Nicole Dollanganger on the rise!

11027777_936673359739955_5195213008366605894_nErinnert sich noch wer an das Interview, das ich mal mit einer jungen Kanadierin namens Nicole Dollanganger geführt habe? Well… der kleine Geheimtip, über den ich damals komplett random gestolpert bin, gewinnt gerade rasant an Popularität. Remember where you heard it first. Haha..

 

Hatte die Dame zum Zeitpunkt unseres Interviews noch kaum Live-Erfahrung geht es nun unter der Obhut von Grimes (!) auf ausgedehnte Tour, welche die kommende Dollanganger-Platte Natural Born Losers außerdem auch mit ihrer neuen Organsition pusht. Seems like a dream match to me… Kanadas wohl schönstes Paar seit Chad Kroeger und Avril Lavigne!

Auch gibt es ein fantastisches neues Dollanganger-Video zu bewundern, bei welchem es sich um eine Neuauflage ihres Classics Angels of Porn handelt und das momentan zurecht viral geht:

Me likes a lot!

Da kommt mir auch, dass es mal wieder schwer an der Zeit für neue Interviews wäre… Vorschläge? Interesse? Let me know…

Review: Zikade – Salzgeschichten (2015)

a2769246469_16Nicht einmal ein Jahr ist es her, da hat der aus Berlin stammende Ausnahmemusiker Zikade mit Das Ende der Beschwerde ein  beachtenswertes wie verschrobenes Debut hingezimmert. Nun werden die Salzgeschichten erzählt, genauer gesagt schon seit einigen Wochen und wissen es, durch ungeahnte Aufgeräumtheit und wohltuenden Raum, das Herz mit anderen Worten und neuen Weiten zu bewerfen.

 

Alles anders also… aber immernoch surreal. Das weiß schon der Opener, der den Hörer gerne mit Pop-Appeal umgarnt und trotzdem nicht darum verlegen ist, freche, synthetische Wellen aufzutürmen. Wellen, die auch das Meer aus Gras im nachfolgenden Jung wiegen. Wer die aufrichtig zarte Melancholie dieses Tracks nicht fühlt, braucht den restlichen Salzgeschichten wohl kaum weitere Beachtung zu schenken. Wer hingegen gefühlsmäßig an Board ist, wird mit Zikade bereitwillig vom Ufer ablegen, an dem einst ein Hafen stand und durch den restlichen Tag gemeinsam schaukeln wollen. Im Sonnenlicht. Sich die Augen Pink pinseln lassen und die Lippen solange im satten Grün wälzen, bis der Mund zum Schlachtfeld wird. Die Möglichkeiten hat man schließlich. Der Teufel hat’s gesagt. Der Teufel hat gefragt.

Zikade antwortet mit einem unheimlich intensiv knisternden wie emotionalen Liebesalbum. Die auf dem Vorgänger recht dominanten Samples, sucht man bis auf dezent verhaltene Beats vergeblich. Psychedelisch angehauchte Gitarrenklänge dominieren das Klangbild, werden von warmen Bässen gestützt. Gemeinsam verlieren sie sich in Schall und Rauch. Wer jetzt an Fanta 4 denkt, wird sich bei den Sprechgesangseinlagen von Einfach umso mehr am Tag am Meer wähnen. Über allem webt das veruchrauchte Stimmorgan der Zikade immernoch polarisierende Lyrik, die sicher auch diesmal nicht nur auf Zuspruch treffen dürfte. Pseudointellektuell schimpfen Kritiker so etwas gerne, was hier aber keineswegs geltend gemacht werden darf. Tatsächlich transferiert die kryptisch komplexe Wortwahl die Musik perfekt auf die Textebene, zeugt von großer Weitsicht und ist zudem oftmals schonungslos ehrlich. Man muss sich nur darauf einlassen können und die Zeit mitbringen, welche die Salzgeschichten sich nehmen.

Irgendwo zwischen Tom Waits, Portishead, Beck, Selig, Neubauten, Marlene Dietrich, Pink Floyd, Singer-Songwritertum und Unerhörtem ist das Endprodukt sicherlich und unbedingt als mutig einzustufen. Noch mutiger dürfte es allerdings sein, sich absolute Hits wie Jung, Augen Pink / Lippen Grün, Möglichkeiten oder das schmutzige Warnlicht entgehen zu lassen.

Für mich jedenfalls eine der innovativsten Platten der letzten Monate! Serious!
Jeder weiss Bescheid was zu tun ist, oder?

Anspieltips: Jung, Augen Pink / Lippen Grün, Möglichkeiten, Warnlicht, Alles anders

Albumstream:

Die Salzgeschichten lassen sich für 10€ über bandcamp beziehen.

Released: 29.07.2015 via bandcamp

Review: The Legendary Tigerman – True (2015)

The legendary tigerman - TrueDa ist sie also, die angekündigte, neue Full Length des Legendary Tigerman. Über dessen Qualitäten wurde auf diesen Seiten ja erst kürzlich berichtet. Ob das Album nun den Vorschußloorbeeren der EP gerecht wird? Beinahe! Der Erfolg gibt ihm mit dem Einstieg auf Platz Nummer 1 in seiner Heimat Portugal zumindest schonmal unabsprechlich recht. Dennoch: Mir persönlich ging die EP etwas besser rein…

Doch alles schön der Reihe nach! Es gefällt schließlich vieles! Besonders, wenn die Samtpfoten des Tigermans auf Streichelkurs gehen. Das geschieht gleich zu Beginn im bereits bekannten Opener Do come home, welchem eine Handvoll ruhiger Folkstücke wie Rainy Nights oder My Heart, Safe at Home zur Seite gestellt werden. Hinter dem Titel Love Ride verbirgt sich dabei sogar ein besonders schmackhafter Schmalzhappen!

Ähnlich schmalzig auch die Pomade, die bombenfest im Fell sitzt, wenn die Raubkatze den schmutzigen Bootyshake-Elvis mimt. Neben dem ebenfalls bekannten Wild Beast vermögen es Twenty Flight Rock und Storm over Paradise im speziellen dies zu bewerkstelligen.

So weit, so gut, so legendary. Beide Facetten stehen dem Protagonisten ein ums andere mal außerordentlich gut zu Gesicht. Immer glaubhaft und für eine ‚One Man Band‘ auch auf diesem Release erstaunlich dicht im Sound. Der eingeschlagene Weg wird somit konsequent weiterverfolgt. Gerade das ist aber auf Albumlänge etwas ermüdent. Ein paar Überraschungen und Ausbrüche hätte man sich schon wünschen können. So zeichnet sich trotz gelegentlichem Zähnefletschen und Krallenausfahren eher das Bild des zahmen Zootigers, denn das des mutigen Dschungelkönigs. Aber auch an dem kann man ja bekanntlich seine Freude haben! Exzellentes Futter für gediegene Playlists befindet sich jedenfalls zur Genüge auf True. Und der Konsum in Etappen ist in diesem Fall natürlich auch immer eine spaßbringende Option!

Man darf jedenfalls gespannt sein was da in Zukunft noch kommt! Der Slogan aus dem Twenty Flight Rock dürfte bei allem Potential und dem immensen Erfolg ja wohl allenfalls als leere Drohung aufzufassen sein, oder?

"When I make it to the top baby I'm too tired too rock"

We’ll see ‚bout that! Der Katzenmann hat sicherlich auch dann noch Biss!

Anpieltips: Do Come Home, Love Ride, Wild Beast, Twenty Flight Rock


‚True‘ im Stream:

Released: 22.05.2015 via India Records

Review: The Legendary Tigerman – Do Come Home [EP] (2015)

Style: "color"2004 machte uns Marilyn Manson den Dave Gahan. Jetzt macht uns Dave Gahan den Marilyn Manson.

Das zumindest könnte man beim Anblick der Jean Baptiste Mondino – Photographie glatt meinen. Diese stellt nicht nur die schmückende Front der hier vorliegenden EP Do Come Home dar, sondern zierte auch schon das Album Femina aus dem Jahre 2009.

 

Natürlich handelt es sich bei keiner der genannten Veröffentlichungen um Werke aus dem Hause Depeche Mode. Vielmehr gehören sie zum nicht gerade dünnen Katalog des in Mosambik geborenen und in Portugal aufgewachsenen Multiinstrumentalisten Paulo Furtado, der bereits seit 2002 unter dem Pseudonym The Legendary Tigerman den Rock’n’Roll als Ein-Mann-Kapelle auf Tonträger und Bühnen zaubert.

Zugegebenermaßen kannte ich bis vor wenigen Minuten weder Interpreten noch genannten Photographen… Dennoch nehme ich mir einfach mal raus, die Zusammenarbeit der Beiden als ’nicht beliebig‘ zu betiteln. Schenkt man den vier Tracks nämlich Gehör und scrollt dazu durch die Galerie des Linsenmagiers, wird man sich ein Schmunzeln nicht verkneifen können. Nahezu alle Gesichter, die man auf Anhieb mit der Musik des ‚Tigermans‘ assoziiert, tauchen auf: Beck, Waits, Tarantino, Lynch… sogar die schmutzigen Jeans einer Madonna in der Filmsection möchte man ‚Do Come Home‘ andichten.

Rechtfertigende Belege für die Vergleichsflut dürfte man alleine schon im samtweichen Folkopener zur Genüge finden. Dem gleichzeitig als Titeltrack fungierenden Stück wirft der Infotext mit Chris Isaak sogar gleich noch den nächsten großen Namen hinterher. Bluesy Vocals und luftige Gitarre zu spärlichem Beat „and [you] just drive along that lost highway.

„I’m just a wild beast with a broken heart!“ Und da sich Herzschmerz durch dramatische Streicherteppiche immernoch am besten intensivieren lässt, steht der bewährte Trick auch der Flüsternummer Wild Beast ausgezeichnet und geht unter die Haut! Ähnlich wie die Tagespflege einer Lena Meyer Landrut. Die tänzelt schon seit geraumer Zeit durch die aktuelle L’oreal-Werbekampagne zur Tigermannummer Light me up twice, welche im Gegensatz zur Reklame sexy unpeinlich kommt und mit weiblichen Gastvocals von Cláudia Efe zu Jack White-infiziertem Bluesriffing überzeugt.

Und weil das schöne Geschlecht als stimmlicher Konterpart so herrlich funktioniert, findet die Formel zum Schluß erneut Anwendung und wird durch prominenten Einsatz sogar noch gepimpt: Der Name Maria De Medeiros dürfte dabei nicht wenigen Pulp Fiction-Fans ein Begriff sein. Das es sich bei besagter Kooperation um die zigste Neuauflage von These Boots Are Made for Walkin‘ handelt, die zudem auch schon Teil der eingangs erwähnten 2009er Platte war, stört überraschend wenig. Vielmehr drückt man dem Evergreen den eigenen Stempel auf und liefert noch gleich den Beweis mit, dass manche Songs selbst eine Jessica Simpson-Schändung locker wegstecken und weiterhin funktionieren können.

Vier Hits für die nächtliche Straße also. Gefühlvoll bis verrucht und irgendwie mystisch angehaucht. Diese EP überspringt die Eingewöhnungsphase und funktioniert direkt und sofort! Ab April ist das neue Album ‚True‘ auch über deutsche Kanäle verfügbar. Die Plattenfirma will ‚Do Come Home‘ als dessen Vorboten wissen.

Ich bin gespannt!

‚Do Come Home‘ im Stream:

‚Do Come Home‘ hier im exklusiven und limitierten CD oder aber im Mp3- Format ordern!

Released: 27.03.2015 via India Records / Rough Trade

Review: Wino&Conny Ochs – Freedom Conspiracy (2015)

EOM072_cover-1024x1024„Time Out, Black Out“ / „Chaos, Foundation“ / „It’s over! Drain!“

Es wäre ein Leichtes gewesen, diverse Textfetzen dieser Platte interpretationsmäßig derart zu verdrehen und dem Kontext zu entrücken, dass sie anschließend mit der letztjährigen Drogen-eskalation von Doomlegende Wino in Verbindung hätten gebracht werden können. Das allerdings, wäre der auf ihr enthaltenen Musik in keinster Weise gerecht geworden.

Zumal der aufnahmetechnische Grundstein von Freedom Conspiracy bereits Anfang 2013 im Kabumm Studio von Thommy Krawallo gelegt wurde, die Songs gar zurück bis auf 2012 datieren und somit schon weit vor dem kleinen Skandal entstanden sind. Der Plan der beiden Kollaborateure Wino (u.a. Saint Vitus) und Conny Ochs (u.a. The Baby Universal), die Platte dann über Overdubfileaustausch per Email zu vervollständigen, scheiterte kläglich. Entgegen des intimen, unmittelbaren Heavy Kingdom (2012), dass gerade von seiner Spärlichkeit lebte, hatte man den Nachfolger zu einem bombastbeladenen, verspielten Eposriesen aufgetürmt. Die Magie war futsch und ergo klar: Das Projekt Wino&Conny Ochs funktioniert nur dann, wenn beide Seelen sich im gleichen Raum befinden.

Der Erkenntnis sollte die Tat folgen, wenn auch zeitlich verschoben. Erst anderthalb Jahre später fand man Zeit um den gemeinsamen Boden unter den Füßen wiederzufinden, die Songs von unnötigem Balast zu entschlacken und Freedom Conspiracy zu Ende zu führen.

Das Resultat kann sich hören lassen und begeistert! Möglicherweise aber erst nach dem Erleben der Platte im rechten Moment. Zumindest bei mir scheint die gemeinsame Musik der Beiden nämlich einer Art Initialzündung zu bedingen. Das war bei Heavy Kingdom zum Beispiel der Blick auf die Küste von Scarlino. Und auch Freedom Conspiracy wollte sich erst beim Aufenthalt im Freien vollständig erschliessen lassen. Der Zeitpunkt dafür hätte nicht besser sein können: Polarlichter über Deutschland, die Sonnenfinsternis, Spaziergänge bei bestem Wetter… naturtechnisch hatte die letzte Woche einiges zu bieten. Im Ohr: Freedom Conspiracy – im Herzen angekommen, dem Vorgänger in nichts nachstehend. Ehrlich, persönlich, direkt, zeitlos.

„Eine intensive Reise durch Blues, Rock, Doom und Americana“ heißt es im Pressetext, der die Scheibe außerdem gleich in eine Liga mit „großen Songwritern wie Johnny Cash, John Sebastian, Townes Van Zandt, Tim Buckley oder Nick Drakehievt. Addiert man der Vollständigkeit halber noch den Folk eines Woodie Guthrie, bekommt man eine ziemlich genaue Vorstellung von Soundästhetik und Thematik des Duos. Zwei Stimmen, zwei Gitarren und gelegentliche Percussioneinlagen sind dabei weitestgehend alles was benötigt wird, um dem Hörer Straße, Weite, Ferne sowie eine Flut menschlicher Emotionen vors innere Auge zu spülen.

„Once again, nothing’s changend“. Alles beim Alten sozusagen! Die dem Opener Drain entlehnten Worte dürfen (samt Song) zusammen mit der Lieblingsnummer Shards gerne repräsentativ für das große Ganze gesehen werden. Glücklicherweise gibt es beide Songs schon jetzt im Stream. Ebenso Timeless Spirit, welches mich durch die dezente, aber kraftvolle Pianounterstützung witzigerweise positiv an Praise You von Fatboy Slim erinnert:

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Zu den zwölf Eigenkompositionen gesellt sich mit Dirt Floor zudem ein Cover eines gewissen Chris Whitley hinzu. Augenzeugen unseres Interviews mit Conny Ochs, wissen sowohl um dessen Begeisterung für den frühzeitig verstorbenen Singer/Songwriter, als auch wie es um dessen Redegewandheit bestellt ist, bestens Bescheid. Und auch Kollege Wino ist natürlich nicht auf den Mund gefallen! Überlassen wir doch deshalb abschließend den beiden Protagonisten selbst das Wort:

Conny Ochs: "'Freedom Conspiracy' bedeuted Gemeinsamkeit, Kamerad-
schaft - es bedeutet, einander wieder zu haben. Auf dem Album geht es 
um Verlieren und wiederfinden von Glauben und Vertrauen. 
Und um das dafür kämpfen."
Wino: "Dinge ändern sich schnell. In Zeiten mit Kriegen an jeder Ecke, 
politisches Theater, das immer offensiver wird und Big Brother und die 
Globalisten ihre feindlichen Übernahmen intensivieren, bieten wir Sounds 
und Vibrationen aus Liebe, Tod, Glück und Schmerz. Wir hoffen, diese Musik
inspiriert und verbindet unsere suchenden Geister."

Anspieltips: Shards, Drain, Time Out Black Out

Tracklist:
01 Drain
02 Sound Of Blue
03 Foundation Chaos
04 Crystal Madonna
05 Shards
06 Time Out Black Out
07 Timeless Spirit
08 Freedom Conspiracy
09 Dirt Floor
10 Heavy Heart
11 Forever Gone
12 Invisible Bullets
13 The Great Destroyer

Kaufen: Freedom Conspiracy ist schon jetzt über den Exile on Mainstream Webshop auf Vinyl, CD oder digital erhältlich. Selbstredend wählt man die LP auf 180g schwerem schwarzen Vinyl inc. Downloadcode für 17 Öcken! Ab 27.03.2015 dann auch beim gut sortierten Plattenhändler zu finden!

Releasedate: 27.03.2015 via exile on mainstream

Conny Ochs spricht über seine Discographie (Voll Cool Ey! – 01)

Voll Cool Ey! – Episode 01 beschäftigt sich ausschließlich und sehr intensiv mit dem Schaffenswerk des Musikers Conny Ochs.

Vielen bekannt als Solokünstler, für seine Kollaboration mit Wino (Saint Vitus), aber auch als Frontmann bei z.B. Baby Universal oder den seligen Zombie Joe, kann der gebürtige Hallenser mittlerweile schon auf beinahe zwei Dekaden Musikerdasein zurückblicken.

Wir konnten ihn nach seinem Konzert im Rosenkeller/Jena für ein intimes wie aufschlussreiches Gespräch gewinnen, in dessen Verlauf wir seine umfangreiche Discographie gemeinsam Revue haben passieren lassen.

Enjoy the ride!

Review: Conny Ochs/Jena/19.11.2014

1622211_797454246941915_2022672832016599225_nIch bin ja per se kein großer Singer/Songwriter Fan. Mir persönlich erscheint diese Tradition oftmals etwas steif und aufgesetzt, zumindest hierzulande. Anders Conny Ochs, der eher den Hobo-Gedanken von Freiheit und Authentizität verkörpert, weshalb seine Shows für mich immer etwas ganz besonderes sind. Besonders genug um fünf weitere Menschen ins 3 Std. entfernte Jena zu entführen. Sieht man die Plattenbauskyline der Ostmetropole, meint man es jedesmal mit Deutschlands womöglich hässlichstem Ort zu tun zu haben. Tatsächlich aber ist die Stadt im Bergkessel eigentlich ganz schnuckelig. Auch die heutige Konzertlocation Rosenkeller, weiß mit  verwinkeltem Gewölbekellercharme zu über- und Stimmung zu erzeugen. Schade nur, dass so wenige Menschen an diesem verregneten Herbstmittwoch den Fuß vor die Wohnungstür geschafft haben. Gerade mal rund 15 (?) Menschen tummeln sich im bestuhlten Gemäuer, um dem South of Mainstream Troubadour-Package beizuwohnen. Neben Ochs nämlich, stehen mit Kristian Harting und Friedemann zwei weitere Exile on Mainstream-Acts auf der Speisekarte. Macht der Singer/Songwriter-Riege also drei.

 

Den Anfang macht dann überraschenderweise auch der – vom Flyer her – eher als Headliner vermutete Conny Ochs himself. Der nimmt die geringe Zuschauerzahl gelassen und nutzt die Umstände als Anlass für ein sehr intimes Set, gespickt mit der ein oder anderen raren Perle seines Kataloges.

Bewaffnet mit Akkustikklampfe, Bassdrum, Schellenkranz und einer der bestkonrolliertesten und beeindruckendsten Stimmen Deutschlands, ziehen die Raw Love Songs, des in Jeanskluft gehüllten Hallensers, von Beginn an in ihren Bann.

IMG_0369 KopieBereits der Opener Lead Out vom aktuellen Album Black Happy wird mit einer derart brutalen Ehrlichkeit vorgetragen, dass sich Gänsehaut schwer vermeiden lässt. Das schwere Don’t know her name vom Solo-Debut wirbelt Staub auf, Star von der brandneuen 7-inch Single durchstrahlt den Nebel bittersweet. Suiciety heisst das Aushängeschild der genannten Neuveröffentlichung und der zugehörige Titeltrack folgt auf dem Fuße:

„Vielleicht kennen ein paar Leute von euch das auch. Ich hab ein paar Freunde schon verloren, die sich entschieden haben hier in dieser Welt nicht mehr weiterzumachen. Deshalb möchte ich das nächste Lied nicht nur den Leuten widmen, die nicht mehr hier sind, sondern auch denen die noch hier sind. Und an diese Leute denken.“ Ich hätt‘ halt fast geweint bei diesem grandiosen, sehr positivem Stück.

Waiting for the monster! Allerdings! Doch auf welches Monster man wartete, hätte ich selbst nicht mehr für möglich gehalten… Eine kleine Sensation: Ochs packt tatsächlich einen Song seiner einstigen Kapelle Zombie Joe aus! Wohin Woher aus dem 2005er Schlachthaus, Baby!. Unfassbar, denn seit dem Split dieser – mir sehr teuren – Band, hat er das Material bislang nicht wieder angefasst. Voila:

Conny Ochs – Wohin Woher – live:

 

Was danach noch kommen soll? Das ultradeepe Susanna, ebenfalls Teil des allerjüngsten Outputs zum Beispiel. Die E-Gitarre kommt zum Einsatz! Dirty! Sleazy! Bluesy! Schwermütig und rough! Ein Wahnsinnsstück mit mehr Rock n‘ Roll – Esprit als manche Bandformation! Die PJ Harvey Nummer „To bring you my love“ anzuhängen macht absolut Sinn und Vultures by the Vines aus der Kollabo-Platte mit Wino hält die Nase in den Wind. „Den Song möchte ich heute besonders an Wino rausschicken“man hat es mitbekommen und kann sich denken warum… Mit Bassdrum als Puls und Zeilen wie „Don’t let it get you down“ oder „Big mouth gets ready to swallow“ sieht man den Song plötzlich an einem ganz anderen Ort und die schier unbändige Dringlichkeit der Worte fließen ungefiltert ins Herz. Hat mich umgehauen!

„Wenn ich mit meinen Freunden von Rügen unterwegs bin, freue ich mich immer, dass wir ein kleines bisschen Meeresbrise auf die Bühne bekommen.“ Der befreundete Musiker Janko nimmt für die nächsten beiden Songs Platz an Cajon und Ziehharmonika.

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Burn Burn Burn und Grassy Grass Grass (aus der Z-Joe and the Dustbowlers-Phase) machen im Bundle nicht nur aufgrund der optischen Wortsilbigkeit Freude, sondern vor allem weil es absolute Hits sind, die mit der Untermalung des Kollegen stimmig hervorgehoben werden. Es folgt das abschließende False Profits vom noch bestehenden Band-Projekt The Baby Universal. Tatsächlich mein Lieblingsstück deren jüngster Platte Slow Shelter.

Starke Setlist! Starke Performance! Starker Abend! Und das haben auch alle im Raum gefühlt!

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Die nachfolgenden Acts verpasse ich leider. Allerdings aus gutem Grund! Ein ganz besonderes Interview mit dem Protagonisten des heutigen Abends wartete nämlich hinter den Kulissen auf uns. Das Ergebnis dieses ausgiebigen Chats‘ darf man spätestens bald an dieser Stelle in Form eines großen Videospecials erwarten!

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Conny Ochs – Setlist

01. Lead out
02. Don’t know her name
03. Star
04. Suiciety
05. Waiting for the monster
06. Wohin woher (Zombie Joe)
07. Susanna
08. To bring you my love (PJ Harvey)
09. Vultures by the Vines (Wino & Conny Ochs)
10. Burn Burn Burn
11. Grassy Grass Grass (Z-Joe and the Dustbowlers)
12. False Profits (The Baby Universal)

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Alle Fotos exklusiv für www.derdanielistcool.de und mit freundlicher Genehmigung des mightyfinen Photographen Awanes!

Zikade Debut ist raus!

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Photo by Florian Ullbrich

Nicht nur das Warten, sondern auch die Beschwerde hat allem Anschein nach ein Ende: Das Debutalbum des Berliners Zikade steht in den Startlöchern und ist ab sofort über seinen Facebookauftritt zu beziehen.Nebst sechs Skits gibt es neun eigenwillige Stücke mit überwiegend deutschen Texten, welche ihresgleichen suchen, zu entdecken.

Koketterie küsst Teenage Angst. Und man glaubt es! Und man glaubt es kaum! Oder um es mit den Worten des Interpreten zu sagen: „Setz dich hin und sei gespannt doch sei es nicht zu sehr.“

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Wunderbares Wirrwarr, dessen folkiges Singer/Songwritertum gerne in psychedelische Hallschwaden abtaucht oder mit Trip-Hop Beats liebäugelt.
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Kantig, roh und einfühlsam präsentiert sich „Zikade“ im durchweg gemäßigten Tempo und nimmt sich Raum und Zeit. Wer sich eben diese gerne für Musik nimmt und gelegentlich (notwendig!) schiefe Töne nicht scheut, wird hier mit einem bunten Strauß verschrobener Ohrwürmer belohnt. Ich krieg vieles schon nicht mehr aus dem Kopf. Mein persönlicher Favourit trägt den Titel „Sommernacht“:
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Irgendwie kommen mir beim Verlauf von „Das Ende der Beschwerde“ desöfteren deutsche Diva-Koryphäen wie Marlene Dietrich oder Zarah Leander in den Sinn… Macht sich sicher gut in verrauchten, dämmrigen Nachtclubs! Latelounge und so… Unbedingt verschiedene Stücke antesten, zuschlagen und im Auge behalten!! Alle Bässe auf dem Album btw by yours truly

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Wisdom teeth in exchange for a dried up chicken’s leg – Ein Interview mit Nicole Dollanganger (Ngf002)

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Die Wege des Internets sind doch immer wieder unergründlich und haben oftmals so manche Überraschung parat. Da schaut man mal wieder den kultigen Gruselschinken Es von Stephen King und denkt sich zum wiederholten Male: „Man müsste doch eigentlich eine Band mit dem Namen Beverly Marsh gründen“, hackt bei google fix die Begriffe Beverly Marsh + Band in die Tastatur – um sich zu vergewissern, ob denn nicht schon jemand anderes auf diese glorreiche Idee gekommen sei – und stößt dabei auf eine 22-jährige Kanadierin, die einen gleichnamigen Song bei bandcamp online gestellt hat:

Obwohl es nur ein kleiner Soundschnippsel von ca. 1,5 Minuten ist, hat mich der Song dank der kindlichen Stimme von Nicole Dollanganger (benannt nach den Kindern aus Flowers in the Attic) und der folkigen Attitüde in Kombination mit der geschätzten Thematik sofort gepackt. Da alle Releases der in einer Kleinstadt in Ontario aufgewachsenen und lebenden Dame kostenlos verfügbar sind, hab ich mir daraufhin gleich mal den kompletten Katalog zugelegt und eine Welt von selten gehörter Friedlichkeit entdeckt. Selbst gemessen an der sowieso schon soften Singer/Songwriter-Schiene wird hier durch die sehr verhaltene Instrumentierung und massivem Einsatz von Hall-Effekten nochmal eine ordentliche Schippe Ruhe draufgelegt. Artwork und die leicht morbiden Texte stehen dazu im krassen Gegensatz und erinnern eher an Künstler aus dem Gothic-Bereich (Ich denk da vor allem oft an die Mädels von Switchblade Symphony). Grund genug, dem Mädel mit der schon beachtlichen Gefolgschaft mal auf den sprichwörtlichen Zahn zu fühlen. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Geschehen über den allersweetesten Email-Kontakt, den man sich wünschen kann. Selbstverständlich ab jetzt auf Englisch. Enjoy:

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tumblr_m9ef07ueh71r4ht6ho1_1280Nicole, what do you do in your daily live (work/college…)?
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I dropped out of film school this year and have since been making a living off of music/merch sales and working part-time.

Have there been any previous musical projects that you were involved in?
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No. I never thought music was a viable option for me due to my inexperience with instruments and songwriting in general.

Judging from your superb Manson Coversongs, your gothic-like art and lyrics as well as the look of your friends on those tumblr photos, I presume that you’ve been into a lot more heavier stuff in the past. Do you still like that kind of music/scene and why is it that your own music is so soft then?
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The stuff I make does not reflect the music I like and listen to whatsoever, partially because I just don’t have the ability or skill to create anything even remotely similar.  For the most part I just try to do what I can and worry as little as possible about what kind of music that will be or what genre it subsequently will fall into. When I try to make something sound LIKE anything else, it usually turns to shit.

I like the combination of your soft music and the sometimes cruel lyrics. What keeps you going to write about those topics?
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I really don’t know

You seem to be obsessed with teeth. You even collect them, right? How come? Reminds me a little of that blair-witch package
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Nicoles Zahnsammlung

I have a lot of obsessions but I’m not sure teeth are one of them. I do collect teeth though. I guess I initially picked up the habit from all of those old victorian mourning lockets. Preserving someone’s hair as a way of immortalizing them resonated with me I guess. I feel the same about the hair I collect as I do with the teeth I collect. The other day I was hanging out with a cute boy and he gave me some of his wisdom teeth in exchange for a dried up chicken’s leg.

 

You don’t seem to play live in front of a crowd very often, am I right? Why is that? Any plans to go on the road and do a little tour?
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I experience horrible stage fright, but beyond that, the shows my friends play and the shows I’ve been going for years do not cater towards the kind of music I play. So it was partially an opportunity thing as well. I recently played a show in Toronto though, and I’m hoping to start playing as many as I can from this point forward.

When you do live shows, is it just you or do you bring friends of yours on stage as well? Ever thought of a „live-band“ situation?
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For my previous show, one of my best friends and most admired musicians Brad Garcia came on stage with me and played the guitar. I was so nervous that he ended up doing what little talking their was. I think he was the one who introduced me, too. I didn’t say a word outside of singing. And yes, I’ve started writing songs with a few friends who accompany me and I’m trying to convince them to start playing shows with me.

I also dig your artworks! Some of them remind me of the Stuff that Jessicka Adams from Jack of Jill is doing. Are you familiar with the Cotton Candy Machine?
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I am not familiar with the Cotton Candy Machine, but I am definitely familiar with Jessicka. I grew up listening to Jack Off Jill and Scarling.

There were some handmade CDs of Observatory Mansions. Any plans to offer physical copies of your other releases as well? Are you a fan of vinyl, tapes, CDs etc. or do you think that’s pointless nowadays?
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I’m a fan of anything physical when it comes to music. It’s special to hold something in your hands, as opposed to just having the mp3s. I had a limited number of cassettes made of Observatory Mansions, Ode to Dawn Wiener: Embarrassing Love Songs and Curdled Milk made – and will be selling them soon.

As I mentioned previously I discovered your music through your song Beverly Marsh. That song’s featured on the Baby Land EP.  According to your bandcamp page the guitars were played by a guy named Brad Garcia (which you also mentioned previously in this interview). How are you two connected? Is he doing any music projects on his own? Are there any other local artists that you can recommend?
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Brad is one of my oldest and absolute best friends. He has several musical projects going on. He’s in Safe to Say, Iris, UFO  & he also creates stunning songs under his own name and likely has more hidden projects nobody knows about yet. I would recommend all of his music first. But there are a ton of other local musicians and good friends I would recommend, such as: Burnt Out, Exalt, Nihil, Daspatch, Altona  & Danielle Clark’s solo work.
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84861439This may be a stupid question… but what made you shave your head? (Which suits you well by the way…) Hard decision? Did you keep your hair? Any regrets or Britney Spears comparisons you had to deal with? Are you going to keep this look for a while?

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My friends shaved my head for me because I was sick and my hair was falling out. So that made it a pretty easy and enjoyable decision. But I liked it so much I had pals keep shaving it for me for upwards to a year after. My hair is now just beyond my neck and I’m going to keep growing it back out to the length it was before, which was relatively long.

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You have gathered a lot of followers. Did you expect such a great reaction?
Any bad experiences as well? I mean, the Internet can be very cruel from time to time…

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I absolutely did not, but tumblr has consistently been introducing me to cool and wonderful friends and I’m really grateful for the platform it has provided music wise. I haven’t experienced much cruelty, but definitely some unpleasant weirdness here and there. I also have a hot temper so I’ve been trying to ease up a little with answering questions I find invasive or inappropriate. I can only think of one really bad interaction I’ve had (knock on wood) and it was a situation that got sorted out very quickly.

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Das aktuelle Album Observatory Mansions

Which of your songs means the most to you? Any favorites or are all of them equally important to you?
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I think my first few albums are pretty much right offs, but the songs on Observatory Mansions are generally very important to me.
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There’s this great photo you posted on your FB page.
This place seems to spread a magic vibe! What can you tell about this spot?
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I’ve had the same best friend since Grade 1 (his name is Kevin), and this is the cemetery directly between both our houses, so it has always been the place where he and I meet up. We’ve spent a lot of time there collectively over the years. This is actually where we spent this past Christmas eve together. It’s the only cemetery our town has and a lot of the graves date back beyond the 1900s. But kids we went to high school with are buried there. A little girl I knew who was killed by a dog is buried there. So it’s as sad as place as it is peaceful.

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What are your future plans with this particular project? Sky’s the limit or do you want to keep it small and underground? Any new releases in the making?
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I’m currently working on a new album that will be very, very different from my previous stuff. I’m also going to be working on some projects with a small record label named Yellow K records!

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You asked me some really wonderful and amazing questions. Hope my answers were adequate.Thank you again for interviewing me & giving me your time with this.

Well, thank you, too and you’re very welcome Nicole! Take care!

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Interview vom 24.05.2014
Photos aus dem Archiv von Nicole Dollanganger
Nicole Dollanganger Webpräsenz

 

Pure, genießerische Wirklichkeit – Ein Interview mit Zikade (Ngf001)

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Geheim

All this time I’m asking where to go when I get there.“ Benjamin Drees, ein hagerer Mann Anfang 20 mit wuscheligem Haar, blickt zufrieden vor sich hin, während die Worte sanft aus den Boxen kriechen und die kleine 1-Zimmer-Wohnung in Berlin Mitte erfüllen.

Es sind seine Worte und Teil eines neuen musikalischen Projektes, welches vor knapp einem Jahr begann und nun in Kürze unter dem Künstlernamen „Zikade“ das Licht der Welt erblicken soll. Eine ganze Hand voll Stücke sind es geworden, die alle die Sprache des Neuen, des Unentdeckten, der Erfahrung sprechen. Dieser Eindruck kommt nicht von ungefähr, sind die interessanten Klanggerüste doch fast wie eine Art Tagebuch zu verstehen und Versinnbildlichung eines etwa halbjährigen Israel-Aufenthaltes, der Ende 2012 begann. Ein wenig ungewöhnlich erscheint die Zielsetzung ins Land der Bibel dabei, ist man es doch eher gewöhnt, junge Menschen als Au-pair oder im Rahmen des Work-and-Travel-Programmes nach Australien, Asien oder Neuseeland pilgern zu sehen. Dabei kann gerade das israelische Kibbuz-System bieten, was viele der Reisenden suchen: frische und unabhängige Lebensperspektiven als Lohn gegen gemeinnützige Arbeit. Einmal auf seine Erfahrungen angesprochen, blickt man in ein weit aufgerissenes Augenpaar, welches die Begeisterung, trotz wohldurchdachter Wortwahl, kaum zu verbergen mag.

481578_10201208631840913_944684687_nDie Idee zur Reise sei ihm schon vor knapp 6 Jahren gekommen und gehe auf den Kontakt zu israelischen Musikern zurück, die er in Berlin kennenlernen durfte und eine Freundschaft zu Tage förderte, die erstmals zu einem zweiwöchigen Kurzbesuch in Israel führen sollte und den Wunsch aufkeimen ließ, dieses Land einmal über einen längeren Zeitraum zu erfahren. Der letztendliche Entschluss, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen, kam dann sehr spontan und die Wahl auf Neot Semadar, ein Kibbuz südlich in der Wüste Negev gelegen, ganz natürlich, nachdem es ihm als „der schönste Ort auf Erden“ angepriesen wurde.

 

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              Geheim

Keine utopische Übertreibung, wie sich zeigen sollte: eine Oase mitten in der Wüste. Palmenwälder, ein großer See und die Berge von Jordanien im Hintergrund, die täglich die Farben zu wechseln schienen, versprühten schnell den erhofften Charme des Garten Eden. Dass man natürlich nicht nur zum reinen Vergnügen, sondern auch als tatkräftige Unterstützung vor Ort war, wurde natürlich von vornherein über einen freundlichen Email-Kontakt abgeklärt und verinnerlicht. Diese Freundlichkeit spiegelte sich dann auch direkt am Arbeitsplatz wieder, denn die Oberhäupter, wie Benjamin die Kibbuz-Leiter liebevoll nennt, waren stets darauf bedacht, jedem eine nützliche Tätigkeit zukommen zu lassen, mit der sich derjenige identifizieren konnte. Im Gegensatz zu den permanent dort lebenden Menschen hat man als sogenannter Voluntär, wie Drees einer war, keinen festen Arbeitsplatz, sondern ist eher so etwas wie Mädchen für alles. So varriierten die Aufgabenbereiche vom anfänglichen Küchendienst über die Aufsicht im Kindergarten bis hin zum Mischen von Likören und dem Abfüllen von Weinen für den Verkauf. Neot Semadar ist nämlich vor allem auch als Produzent diverser Ökoprodukte bekannt. Mitunter gab es aber auch echte Knochenjobs zu verrichten. So bleibt besonders die Erinnerung an die Dattelplantage präsent, bei der es Aufgabe war, auf sämtliche Palmen zu klettern und die giftigen Dornen mittels einer Machete abzuschlagen, um einen reibungslosen Ernteablauf im darauffolgendem Halbjahr zu gewährleisten.

Trotz zweier, je einstündiger Pausen sicher kein Zuckerschlecken, bei Arbeitszeiten von fünf Uhr morgens bis vier Uhr mittags und den wüstengegebenen Temperaturen. „Gar nicht so schlimm“, meint Benjamin, denn die Eingewöhnungszeit sei ungewöhnlich schnell vonstatten gegangen, was er vor allen Dingen der wunderschönen Umwelt zugute hält. Außerdem gab es jeden Abend Entlohnung für die großen Mühen, was für ihn auch schönstes Erlebnis bleibt: das Treffen mit den anderen Voluntären am Lagerfeuer, bei dem man Geschichten austauschen, den unzähligen Musikern lauschen oder auch jederzeit Leute zum Improvisieren eines neuen Musikstückes finden konnte. Man machte sich kleine Geschenke und hatte sich lieb. Quasi der Hippie-Traum, ohne die sich aufzwängende Subkultur. Zusammenfassend bezeichnet er dieses allabendliche Szenario als „pure, genießerische Wirklichkeit“.

Geheim

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           Geheim

Doch war bei all der Schönheit natürlich nicht alles Gold, was glänzt. Interessant und befremdlich zugleich erschien ihm die Tatsache, dass leicht sektisch mit den Lehren Hare Krischnas, Giojeff oder Rudolph Steiner hantiert wurde, was einerseits zusammen mit der Monotonie des puren Glücks zunehmend bedrückender auf ihn einwirkte, aber ihm andererseits den Abschied aus dem Exil auch maßgeblich erleichterte. Ein etwas kürzerer Aufenthalt in Jerusalem sowie in einem weiteren Kibbuz im Norden sollten folgen, ehe es März 2013 wieder zurück ins heimische Berlin ging.

Die Frage, ob er sich denn durch die Reise verändert habe, schmeckt ihm nicht sonderlich. Vielmehr ist er der Ansicht, dass ein wenig personelle Veränderung im Alltag eines Jeden stattfindet. Dafür müsse man nicht verreisen. Wenn überhaupt, so habe seine Auslandserfahrung diesen Prozess etwas beschleunigt und ihn mit einer geballten Ladung einprägsamer Momente zurückgelassen. Und das möchte er auch dabei belassen. Zu naiv wäre es zu glauben, man könne die gleichen Erfahrungen am gleichen Ort immer und immer wieder machen. So wird seine Israel-Reise auch keine Wiederholung finden, da er für sich bereits das Beste herausgeholt zu haben glaubt. Was er hingegen in aller Regelmäßigkeit wiederholt, ist die Pflege des Kontaktes zu neugewonnenen Freunden, die er nun in aller Welt hat. Alleine das war ihm die Reise schon wert. Interessierten, die es ihm gleich tun wollen, rät er, nur das Nötigste zu planen, um den Rest der eigenen Intuition zu überlassen. Es sei doch schöner, nicht schon von Beginn an zu wissen, was man am Ende sein Eigen nennen kann. Die Freude an der Ungewissheit sozusagen, die auch das eingangs zitiertes Zikade – Stück „Running from Despair“ zu versprühen weiß: „And in the end I may be smarter…“

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Interview vom 02.01.2014
Photos aus dem Archiv von Benjamin Drees
Zikade-Webpräsenz