Review: Nevermen – S/T (2016)

consequenceofsound.net

Sieben Jahre ist es her, da lies Avantgarde-Rapper Doseone (u.a. Themselves) verlauten, er würde gerade an einem neuen Projekt namens Nevermen basteln. Soweit wäre das ja erst einmal semi-spannend gewesen, hätte er nicht gleich hinterhergeschoben, dass es sich bei genanntem Projekt ausgerechnet um eine Kollaboration mit Mike Patton (u.a. Faith No More) und Tunde Adebimpe (u.a. TV On The Radio) handelt. Drei Lichtgestalten der experimentellen Popularmusik auf einer Platte? Das lies durchaus aufhorchen!

Nach Jahren des Schweigens, in denen wohl keiner mehr so recht an einen tatsächlichen Release geglaubt hätte, liegt nun seit Januar das zehn-Track starke Debut vor. Und das ist überraschend homogen ausgefallen. Denn mögen Nevermen auch ein vermeintledigliches Trio sein, noch dazu eines aus Frontmännern, darf man nicht vergessen, dass einen diese Konstellation gleich mit drei Malefizkerlen konfrontiert, von denen sich keiner so einfach auf eine Stilrichtung festnageln lässt. Durch zahlreiche wie unterschiedlichste Projekte ist man von diesen Herrschaften schließlich das ein oder andere extravagante Süppchen gewohnt. Umso überraschender also, dass am Ende ein für den Hörer nachvollziehbares Werk steht, noch dazu in kompakt-bekömmlichen 39 Minuten.

Nun ist das mit der Nachvollziehbarkeit allerdings selbstredend gemäß dem Interpreten-kosmos zu verstehen. Fordernd und bisweilen sperrig bleibt das im Mid-Tempo angesiedelte Indie-Geschoß nämlich trotz alledem und verweigert sich jeglicher klar definierten Sparteneinordnung. Die Kontraste aus Adebimpes World Music-angehauchter Indie-Rock-Welt, Doseones abstrakter Hip-Hop-Versiertheit und Pattons schier grenzenloser Klangpalette allerdings vertragen sich bestens. Mag letzterer auch die wahrscheinlich deutlichsten Spuren im Songwriting hinterlassen haben, bleibt gerade im Vocal-Performance-Bereich genügend Raum, in dem jeder der Protagonisten zum Zuge kommt und glänzen kann. Bei Nevermen hat man den Eindruck, es wirklich mit einer Gruppierung aus gleichwertigen Mitgliedern zu tun zu haben. Ein Umstand, dem – neben dem ellenlangen Terminkalendern der Beteiligten – sicher auch die lange Wartezeit geschuldet sein dürfte.

Diese hat sich jedenfalls schwer gelohnt! Das zunächst an einigen Stellen unzugängliche Geblubber aus vertrackten Beats, Sample-Spielereien, unerschöpflicher Vokalakrobatik wie Kreativität will sich vielleicht nicht zwingend bei den ersten Hördurchläufen erschließen, kann über kurze Strecken sogar ermüdend sein. Das geschulte Ohr aber, wird in jedem der Songs mit mindestens einem catchy moment belohnt! Die Hooks von Tough Towns, Treat Em Right, und Dark Ear oder ganz besonders das Ende von Non Babylon entfalten unwiderstehlichsten Pop-Appeal. Dazu gesellt sich fiebriger Hibbelrap in At Your Service, die Gorillaz-Cartoon-Nummer Mr. Mistake und Ambientstücke wie Hate On oder das famos abschließende Fame II The Wreckoning. Von der Qualität der fabelhaften Lyrics ganz zu schweigen, die versteckt im kritischen Tough Towns auch einen Vers liefern, der sich perfekt auf Gesinnung, Wirkung, vielleicht sogar Intention der Platte ummünzen lässt:

„Gold goes to the cold war marketing!“

Für Kenner: Nevermen kann im weitesten Sinne als eine gelungene Melange aus TV On The Radios Return To Cookie Mountain, der Peeping Tom-Platte und der ersten 13&God verstanden werden und sei Fans dieser Alben besonders ans Herz gelegt!

Anspieltips: At Your Service, Non Babylon, Tough Towns, Mr. Mistake

Nevermen im Stream:

Nevermen kann man beispielsweise stilecht bei Ipecac auf schwarzem Vinyl im triple-gatefold haben!

Released: 29.01.2016 via Ipecac

Review: Zikade – Salzgeschichten (2015)

a2769246469_16Nicht einmal ein Jahr ist es her, da hat der aus Berlin stammende Ausnahmemusiker Zikade mit Das Ende der Beschwerde ein  beachtenswertes wie verschrobenes Debut hingezimmert. Nun werden die Salzgeschichten erzählt, genauer gesagt schon seit einigen Wochen und wissen es, durch ungeahnte Aufgeräumtheit und wohltuenden Raum, das Herz mit anderen Worten und neuen Weiten zu bewerfen.

 

Alles anders also… aber immernoch surreal. Das weiß schon der Opener, der den Hörer gerne mit Pop-Appeal umgarnt und trotzdem nicht darum verlegen ist, freche, synthetische Wellen aufzutürmen. Wellen, die auch das Meer aus Gras im nachfolgenden Jung wiegen. Wer die aufrichtig zarte Melancholie dieses Tracks nicht fühlt, braucht den restlichen Salzgeschichten wohl kaum weitere Beachtung zu schenken. Wer hingegen gefühlsmäßig an Board ist, wird mit Zikade bereitwillig vom Ufer ablegen, an dem einst ein Hafen stand und durch den restlichen Tag gemeinsam schaukeln wollen. Im Sonnenlicht. Sich die Augen Pink pinseln lassen und die Lippen solange im satten Grün wälzen, bis der Mund zum Schlachtfeld wird. Die Möglichkeiten hat man schließlich. Der Teufel hat’s gesagt. Der Teufel hat gefragt.

Zikade antwortet mit einem unheimlich intensiv knisternden wie emotionalen Liebesalbum. Die auf dem Vorgänger recht dominanten Samples, sucht man bis auf dezent verhaltene Beats vergeblich. Psychedelisch angehauchte Gitarrenklänge dominieren das Klangbild, werden von warmen Bässen gestützt. Gemeinsam verlieren sie sich in Schall und Rauch. Wer jetzt an Fanta 4 denkt, wird sich bei den Sprechgesangseinlagen von Einfach umso mehr am Tag am Meer wähnen. Über allem webt das veruchrauchte Stimmorgan der Zikade immernoch polarisierende Lyrik, die sicher auch diesmal nicht nur auf Zuspruch treffen dürfte. Pseudointellektuell schimpfen Kritiker so etwas gerne, was hier aber keineswegs geltend gemacht werden darf. Tatsächlich transferiert die kryptisch komplexe Wortwahl die Musik perfekt auf die Textebene, zeugt von großer Weitsicht und ist zudem oftmals schonungslos ehrlich. Man muss sich nur darauf einlassen können und die Zeit mitbringen, welche die Salzgeschichten sich nehmen.

Irgendwo zwischen Tom Waits, Portishead, Beck, Selig, Neubauten, Marlene Dietrich, Pink Floyd, Singer-Songwritertum und Unerhörtem ist das Endprodukt sicherlich und unbedingt als mutig einzustufen. Noch mutiger dürfte es allerdings sein, sich absolute Hits wie Jung, Augen Pink / Lippen Grün, Möglichkeiten oder das schmutzige Warnlicht entgehen zu lassen.

Für mich jedenfalls eine der innovativsten Platten der letzten Monate! Serious!
Jeder weiss Bescheid was zu tun ist, oder?

Anspieltips: Jung, Augen Pink / Lippen Grün, Möglichkeiten, Warnlicht, Alles anders

Albumstream:

Die Salzgeschichten lassen sich für 10€ über bandcamp beziehen.

Released: 29.07.2015 via bandcamp

Review: Björk – Vulnicura (2015)

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as found on: www.facebook.com/bjork

Was hat man sie erst gehasst, später geliebt? Was hat sie einen nicht mit Minimalismus und Opulenz gleichermaßen strapaziert? Was war sie einem fast egal!? Was hat man sie plötzlich doch wieder gern! Gut, um den Wahrheitsgehalt dieser Aussagen zu legitimieren, wäre die Ich – Perspektive womöglich stilvoller gewesen, doch ist dem anhaltenden Medienecho zu entnehmen, dass viele Leute – zumindest in Bezug auf letztere Behauptung – eine ähnliche Beziehung zur Kunstfigur Björk an den Tag legen.

Die präsentiert sich auf dem Cover ihres beinahe ohne Vorwarnung gedroppten, neunten Outputs in Madonnapose – mit weit klaffender Vulva auf dem Latexbusen. Das kommt nicht von ungefähr: Die Trauer um ihre just in die Brüche gegangenen Beziehung zu Matthew Barney zwingt die Isländerin, welche sich immernoch der charmantesten Form von schlechtem Englisch bedient, geradezu sich zu öffnen und uns an ihrem Selbstheilungsprozess teilhaben zu lassen.

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How will I sing us out of this sorrow? – Sie tut es einfach! Und das auf angenehm sanfte Art und Weise. Vulnicura ist ein sehr entspanntes Album das sich Zeit nimmt. So weit so Björk. Auffällig allerdings, dass man kaum vor den Kopf gestossen, nicht überfordert, sondern fast schon mit offenen Armen empfangen wird. Björk ist dabei natürlich immernoch Björk und macht allenfalls so weiter wie man sich das nach dem 97er Homogenic gewünscht hätte. Ergo hat man auch Vulnicura wieder als ein großes Ganzes zu betrachten denn etwa als Ansammlung potentieller Stücke für die nächste Playlist. Dementsprechend schwer fällt dabei auch die Sache mit den Anspieltips. Der Opener Stonemilker ist, auch ob seiner verhältnissmäßig kompakten sechs Minuten, tatsächlich der perfekte Einstieg in den neun Song starken Herzschmerzepos.

Mit Input von Hexan Cloak, vor allem aber von Soundhexer Arca, der das FKA-Twigs Debut schon zum Hochgenuss machte, wird zu weichen Streicherteppichen und verhaltenen Beats geschmachtet und das R derrrmaßen gerrrollt, dass nicht nur Till Lindemann vor Neid erblassen dürfte, sondern mit jedem neuen Hördurchgang auch mein Frankendasein ein klein wenig an Rückgrat gewinnt.

Als besonderes Bonbon gibt es zudem noch ein Feature mit Antony Hegarty auf Atom Dance. Die Stimme des Engländers, den ich bislang noch garnicht auf dem Schirm hatte, überzeugt mich sofort! Ein Blick in seine Videography zeigt, dass ich da noch einiges an Nachholarbeit zu leisten habe!

Apropos Video: Da macht Björk natürlich bekannterweise kaum jemand was vor (hör ich da jmd. Die Antwoord murmeln… well: quite possible!). Umso bedauernswerter, dass man auf das erste Musikvideo – wie auch auf die Spotifyverfügbarkeit des Werkes – noch warten muss (Reaktion auf den vorzeitigen Leak? One could guess so!). Einen vorzüglich kleinen Vorgeschmack zum Black Lake – Clip gibt es allerdings schon zu begutachten:

Yes! Welcome back! Wer Debut, Post oder Homogenic immer wieder gerne auskramt, wird auch an Vulnicura seine helle Freude haben und darf gerne blind kaufen! Wer gerade nach einem Soundtrack zum zelebrieren seines Liebeskummers sucht: sowieso!

Tracklist:

1.Stonemilker
2.Lionsong
3.History of Touches
4.Black Lake
5.Family
6.Notget
7.Atom Dance
8.Mouth Mantra
9.Quicksand

Released: 27.01.2015 via One Little Indian, Megaforce Records

Zikade Debut ist raus!

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Photo by Florian Ullbrich

Nicht nur das Warten, sondern auch die Beschwerde hat allem Anschein nach ein Ende: Das Debutalbum des Berliners Zikade steht in den Startlöchern und ist ab sofort über seinen Facebookauftritt zu beziehen.Nebst sechs Skits gibt es neun eigenwillige Stücke mit überwiegend deutschen Texten, welche ihresgleichen suchen, zu entdecken.

Koketterie küsst Teenage Angst. Und man glaubt es! Und man glaubt es kaum! Oder um es mit den Worten des Interpreten zu sagen: „Setz dich hin und sei gespannt doch sei es nicht zu sehr.“

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Wunderbares Wirrwarr, dessen folkiges Singer/Songwritertum gerne in psychedelische Hallschwaden abtaucht oder mit Trip-Hop Beats liebäugelt.
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Kantig, roh und einfühlsam präsentiert sich „Zikade“ im durchweg gemäßigten Tempo und nimmt sich Raum und Zeit. Wer sich eben diese gerne für Musik nimmt und gelegentlich (notwendig!) schiefe Töne nicht scheut, wird hier mit einem bunten Strauß verschrobener Ohrwürmer belohnt. Ich krieg vieles schon nicht mehr aus dem Kopf. Mein persönlicher Favourit trägt den Titel „Sommernacht“:
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Irgendwie kommen mir beim Verlauf von „Das Ende der Beschwerde“ desöfteren deutsche Diva-Koryphäen wie Marlene Dietrich oder Zarah Leander in den Sinn… Macht sich sicher gut in verrauchten, dämmrigen Nachtclubs! Latelounge und so… Unbedingt verschiedene Stücke antesten, zuschlagen und im Auge behalten!! Alle Bässe auf dem Album btw by yours truly

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Review: Void Fest / Wettzell / 01.-02.08.2014

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Der gute Ruf eilt dem Void Fest vorraus. Gerade mal im dritten Jahr, erzählt man sich allerorts bereits die wildesten Geschichten über das bunte, familiäre Treiben, welches sich inmitten der tiefsten, bayerischen Einöde abspielt. Besucher wie auch Presse und Bands loben das aufstrebende Festival bei Bad Kötztingen in den höchsten Tönen. Von einem besonders liebevoll gestalteten Rahmen ist dabei stets die Rede. Umwoben von Storys über Drogeneskapaden, legerer Teufelsanbetung und Hexensabbath-Action, sorgt das natürlich für Legendenstatus, woraus sich wiederum eine hohe Nachfrage für die Tickets ergibt. Die waren auch dieses Jahr schon frühzeitig vergriffen. Könnte aber auch am mit Szenegrößen bespickten Lineup gelegen haben… Derdanielistcool.de hatte das große Glück, dabei sein zu dürfen, um sich selbst ein Bild vom dortigen Geschehen zu machen. Die Reise zum Festival – eine dreitägige, 300 km lange Fahrradtour mit meinem Kollegen Frank – war dabei zu schön, um sie unkommentiert zu lassen. Wer keine Lust auf die kleine Selbstbeweihräucherung hat, darf die ersten zweieinhalb Tage getrost überspringen!

MITTWOCH

03Die Taschen sind gepackt, die Räder geschmückt und das gepolsterte Höschen sitzt wie angegossen. Angegossen sind auch wir, nachdem wir bereits nach ca. 20 min von einem übelen Regenschauer die erste Abreibung einstecken müssen. Aber was soll’s… Rumjammern oder Kneifen geht nicht. Schließlich gilt es, einige Zweifler zu überzeugen, welche uns schon im Vorfeld ob unseres Vorhabens hämisch ausgelacht haben. Recht sollten sie dennoch behalten: „Untrainierte Radelei – Bein und Hintern sind wie Brei!“

 

Nach weltbesten Bierchen in Stettfeld und Bamberg finden wir doch tatsächlich eine leerstehende und unverriegelte Cabin in the Woods für die trockene Nachtruhe. Kann man denn bitteschön noch mehr Glück haben? Danke, Jesus!

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Ein großes Dankeschön geht außerdem an unsere famose Tourbegleitung!

DONNERSTAG

35 Nach etwa 100 km Radweg und einer Nacht auf hartem, staubigem Holzboden fühlt man sich einfach richtig wohl in seiner Haut. Ein königliches Gefühl, welches höchstens noch durch einen Schnakenstich auf dem rechten Augenlid  intensiviert werden kann! Aber wir wollen nicht jammern, sondern frühstücken an einem wunderschönen Felsen, wo wir hübsche Ingwerknollen finden und moshen uns die Strapazen im Felsengarten von Sanspareil aus dem geschundenen Leib. Wir baden mit Enten, entdecken die Höllenpforte und das Grab einer Hexe. Das Böse scheint spürbar nahe. Mein rechtes Auge fängt zwei Fliegen mit einer Klappe und vorm Egyptos/Regensburg trete ich in die Notdurft eines Säugetiers. Vermutlich Mensch. Die Rast in der WG eines Bekannten ist top! Danke dafür!

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 FREITAG

Aus rasten wird ausrasten, denn spätestens jetzt ist Jammerstimmung angesagt. Meine Beine fühlen sich an wie… gut, eigentlich fühle ich sie nicht mal mehr so wirklich. Da kommt mir die kurze Pause an der Donau sowie die Fahrt mit der Bahn nach Cham gerade gelegen. Die ist vor allen Dingen aus zeitlichen Gründen unumgänglich, schließlich wollen wir ja auch die erste Band am späten Nachmittag catchen und sind recht spät dran. Im Zug trifft man dann auf weitere Festivalbesucher. Sogar aus Spanien reisen die Gäste an! Eine sehr sehr freundliche Nonne leistet uns geistigen Beistand und wünscht uns Glück für die letzten 25 km. Die machen sogar nochmal richtig Spaß, was sowohl der schönen Landschaft als auch dem Umstand geschuldet ist, dass wir doch tatsächlich fuckin‘ Chamerau passieren! Ein Wettrennen mit einem Rentner sowie ein erfrischendes Flussbad später steht uns dann noch der letzte Kraftakt bevor: Der verfluchte Berg, auf dem das Void beheimatet ist. Der ist derartig steil, dass nur noch Schieben hilft. Die Abkürzung querfeldein durch die hinterletzten Waldwege entpuppt sich als äußerst mühsam. Aber hey: Onkelz-Zitat ON Es war ein langer, langer Weg und niemand sagte es wird leicht, wir hatten nichts zu verliern‘ und kein Weg war uns zu weit! Onkelz-Zitat OFF. Man beachte doch bei verfolgen des verlinkten Musikstückes, dass die Person, welche den Titel online gestellt hat, den Namen ONKELZBIER trägt. Vielen Dank!

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Geil wir sind da! Und der Charme des Void ist vom ersten Moment an spürbar. Vom selbstgebauten Obelisken über dekorierte Waschbecken bis hin zum hübschen Programmheft merkt man sofort, wie viel Mühe in dieses Wochenende gesteckt wurde! Der Teufel steckt dabei im Detail! Alles ist liebevoll und one of a kind! Vieles gibt es zu entdecken: Tatoostand, Gewürzhexer, Plattenladen, köstliche vegane Speisen, das beeindruckende Void-Merch und natürlich jede Menge netter Menschen. Sowohl Besucher als auch das ca. 20-köpfige Team erweisen sich durch die Bank als angenehme Zeitgenossen! Wir schnappen uns unsere Presseausweise und stürzen uns ins Getümmel!

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81Den Opener The Wullfs haben wir zwar gnadenlos verpasst, aber dafür haben wir unsere helle Freude mit der Berliner Combo Suns of Thyme. Die legen sich für ihren frühen Posten schon mächtig ins Zeug und begeistern mit surenartigen Mantragesängen und heavy Elektroteppichen. Kommt in manchen Momenten wie Pearl Jam auf Acid und das zusätzliche, fünfte Livemitglied an Schellenkranz und Tasten versprüht sexuellen Esprit en masse! Sowohl auf als auch hinter der Bühne haben die Jungs außerdem erfrischend wenig Hauptstadtallüren. „Meine Mama hat gesagt: Nach dem Konzert erwarte ich mindestens 50 Facebook-Likes. Also bitte, macht’s möglich!“ Verdient hätten sie es sich jedenfalls! Dringend im Auge behalten! Ein Review zur aktuellen Platte folgt demnächst hier!

92War man bei Suns of Thyme bezüglich der Mitglieder im Plus, sind Doomina heute ein Bandmember im Minus. Tut der Wucht ihrer Performance aber keinen großen Abbruch. Im Gegenteil: Durch die Umstände sieht man sich sogar gezwungen, das einstündige Set auf 45 Minuten zu verknappen. Und knackige Sets begrüße ich ja immer sehr. Auch wenn es der alberne Bandname nicht vermuten lässt: Doomina machen Post Rock! Und zwar ziemlich aufregenden! Enttäuscht in keiner Sekunde und das, obwohl ich nicht einmal besonders großer Fan von instrumentaler Mucke bin.

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Wie sehr ich allerdings Fan davon sein kann, zeigen mir anschließend Monomyth. Die fressen mich mit Haut und Haar und animieren mich tatsächlich zum Moshen – eine Beschäftigung, der ich eigentlich nur noch im Scherz nachgehe. Die etwa sieben Stücke sind sehr langatmig. Den dargebotenen, spacigen Krautrock würde ich grob als Mike Oldfields Tubular Bells in heavy und dirty umschreiben! Die Holländer schichten Sound auf Sound und türmen so ihre Songs zu bedrohlich hohen Klanggerüsten auf. Dope! Band,s die gleich zwei Tastensoundtüfftler an Board haben, sind mir außerdem schon von Haus aus sympathisch! Einen kleinen Mitschnitt der Show gibt es hier! Kam live natürlich um einiges besser…

108Frisch und knusprig wird es dann bei Atomic Bitchwax. Zumindest in Bezug auf die Tüte Chips, welche wir auf dem Zeltplatz verputzen. Die Band selbst macht das, was man von ihr erwartet. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wenn man es genau nimmt, wirkt die Kultband sogar ein wenig zu arg gelangweilt für meinen Geschmack. Der Bandname bleibt leider auch weiterhin das coolste an der Combo.

Im Zelt bei Sun Worship ziehen kurz darauf dunkle Wolken auf: Oh Haupt voll Blut und Dornen! Selten wurde der Herrgott lauter, schneller und besser verunglimpft als auf diesem Infernal der Dunkelheit. Da weint das kleine Jesuskind. Amen.

111Gleich drei Gitarren plus Synthiegewitter sorgen beim abschließenden Freitagsact Atlantis zwar für eine enorme Sounddichte, das Ganze ist aber um 1 Uhr auch schon etwas anstrengend. Wenn zu den eigentlich instrumentalen Stücken dann auch noch vereinzelte Femalevocalsamples reinkicken, kommen einem  sogar Evanescence oder Linkin Park in den Sinn… da empfinde ich die gleichnamige, deutsche Band als nen ganzen Zacken unterhaltsamer!

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SAMSTAG

Der zweite Festivaltag beginnt mit 114dem Soundmischmasch der Zeltplatzprivatbeschallung. Turbonegro meets Pink Floyd. Dieses wunderbare Soundgebräu wird allerdings schon gegen 10 von einer lokalen Schrammelpunk-Coverband unterbrochen, welche auf einem schwarzen LKW aufs Festival donnert und mit Freibier um sich wirft. Am Bass btw. Sick Boy – ich wiederhole: Sick Boy – von der Chaos Crew Tatoo Truppe, dessen freundliches Wesen wir zu späterem Zeitpunkt noch kennen und schätzen lernen sollten. Unser als kurz angedachter Supermarktbesuch mit anschließender Eidechsen- und Hirschkäferjagd am nahe gelegenen Höllenstein-See, artet leider in einen ungeahnten Kilometermarsch sondersgleichen aus. Der kostet uns zwar einerseits erneut die erste Band Swan Valley Heights, bringt uns aber andererseits in den Besitz zweier schöner Pressemausweise sowie einer getrockneten Gelbbauchunke – immerhin Lurch des Jahres 2014!

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131Die erste Band, die wir an diesem Tag aktiv mitbekommen, hört auf den klangvollen Namen Brahm. Die Augsburger Mädels, die wir auf der kurzen Zugfahrt kennengelernt haben, sprechen wenig später von der „besten Band bisher“. Soweit würd ich zwar nicht gehen, aber der warme, bluesige Rock der Band ist dennoch sehr gefällig und lässt bereits erste Extremitäten im Publikum zucken. Die Rhythmusfraktion macht ordentlich Druck und das Set empfinde ich als sehr kurzweilig! Nice! Die Band selbst wirkt auch sehr glücklich, und dürfte sich – als Amsterdamer – ob des süßlichen Duftes in der Luft wie zu Hause gefühlt haben.

135Die Berlin/Hamburg Combo Oddjobmen spielen im Zelt auf und haben viel QOTSA gehört. SEHR VIEL! Dadurch machen die Männer ihrem Bandnamen jedenfalls alle Ehre und liefern einen merkwürdigen Job ab. Die Band ist ultratight, rockt wie Sau und es hinzubekommen, wie QOTSA zu klingen ist auf irgend ne Art und Weise ja auch bemerkenswert. Originell ist das halt eher weniger…

Ein Mitglied unserer kleinen Campingtruppe beschwor es ja schon seit Stunden herauf: „Heute spielen Hark! Die dürfen wir auf keinen Fall verpassen! Die sind Hammer!“ Wie recht er doch behalten sollte! Monstermäßig stampft die britische Maschine alles platt.

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Abgehackte Riffverwinklungen und rhythmisch äußerst anspruchsvoll arrangierte Beats. Als Zuschauer weiß man kaum in welchem Takt man sich zu bewegen hat, findet aber doch immer wieder den Groove. Frontman Jimbob dirigiert die Menge mit bitterbösen Blicken. Damn, der Typ hat krasse Augen! Witzigerweise ist er anschließend im Privatgespräch die Freundlichkeit in Person. Tighte Band und noch recht frisch auf dem Markt! Die Briten kommen wohl bald wieder – für eine erste kleine Clubtour – nach Deutschland. Sollte man sich nicht entgehen lassen! Der Vergleich mit Kylesa ist nicht der verkehrteste! Wildes Ding!

Auch wenn sie das Zelt regelrecht regulieren und das Publikum auf ihrer Seite haben: Mit Punkbands wie dem Thüringer Pfandflaschenkommando werd ich wohl auch in tausend Jahren nicht warm werden. Das Spice Girls-Cover im Pogogewand bewirkt da auch eher Gegenteiliges. Immerhin bedient ein Mädel den Bass! Kann ich wenigstens mal kurz an White Zombie oder Coal Chamber denken! Danke dafür!

147Folky Hippieflair dann bei den Sub Pop-Emporkömmlingen Rose Windows aus Seattle. Optisch wirkt das mit etwa 8 Mitgliedern bestückte Schauspiel wie die grungy Kelly Family! Klanglich darf man sich eher bluesige Black Sabbath oder etwas härtere The Doors vorstellen. Die Orgel wird geknört und der Schellenkranz überstrapaziert. Auch freche Querflöten verirren sich im Retrosound. Der Einladung der Musik, im/mit Gras zu gammeln, kommt das verschlafene Publikum gerne nach. Das Rad erfinden die Windows sicher nicht neu, aber als Ruhepol am frühen Abend gehen sie voll in Ordnung!

150Den hat es scheinbar auch gebraucht, denn bei Kadavar stehen alle wieder putzmunter vor der Bühne. Leider zieht der Dreier nicht nur Zu- sondern auch Regenschauer an. Tut der Stimmung allerdings keinen Abbruch. Von der ersten Sekunde an wird mitgegröhlt und gefeiert. Auch unserer Truppe gefällt das Set gut und steht damit in keinem Verhältnis zu der im Zelt ausgestrahlten Banddoku Mammut, Tiger, Wolf, die schon etwas lame war… Egal, man fröhnt der Nostalgie! Und würde der Drummer nicht so hässlich modern anmutende Plexiglaskessel beackern, könnte man sich beim Anblick der Berliner tatsächlich in den 70ern wähnen. Das angestaubte Classic-Rock-Gebräu ist im Endeffekt wie erwartet: Gut und präzise. Überraschungen blieben aber leider komplett aus. Irgendwie hätte man da für einen Headliner schon etwas mehr erwarten dürfen.

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Das japanische Urgestein Church of Misery überzeugt dafür auf voller Linie. Wie tief der Basser sein Instrument trägt, erfüllt einen auch nur noch mit Ehrfurcht! Und endlich gibt’s auch mal dirty Schreigesang! Wenn der Sänger dann noch per Synthie Störgeräusche über das Doomfundament ballert, kommt das bisweilen schon recht abgedreht. Geile Show! Und man weiß nicht mal so recht, was einen zu dieser Erkenntnis bewegt hat… Der unverständliche aber sicherlich okkulte Texthokuspokus wird da sicher nicht ganz unschuldig dran gewesen sein.

159Es bleibt dirty beim letzten Streich auf der Hauptbühne: Light Bearer, eigens eingeflogen! Heftig! Massiv! Hart! Schreit die Welt zwar Sludge, wenn es um die Kategorisierung der Briten geht, könnte man auch schon fast von Black Metal sprechen. Sicher, der massive Sampleeinsatz beißt sich mit diesem Gedanken, aber die Grundattitüde kommt doch schon ziemlich nah hin! Zumindest Neo Black Metal, oder? Auch egal… Losgelöste Typen, die herumschreien, machen jedenfalls meistens Spaß! Super Abschluss und derzeit zu Recht in aller Munde! Ballert dich um!

161Im Zelt wird eine Wand aus Fernsehern aufgebaut. Dazu Musik von Akere aus München. Die klingt wie Massive Attack mit Weihwasser verdünnt. Zwar schön, hier doch noch einen Indieact zu erspähen, aber Sonntag um 02:00 kann das leider auch nicht mehr viel geben. Als Soundtrack zum Einschlafen taugt es aber bestens! Und das zeugt doch auch irgendwie von Qualität!

SONNTAG

Wir werfen einen letzten Blick in das wunderschöne Tal, überbrücken den zur Heimreise notwendigen PKW, da dessen Batterie den Handyauflademarathon von Agnostic Frank nicht verkraftet hat, und ziehen von dannen.

Void, es war wunderschön und organisatorisch wie auch menschlich makellos. Wir bedanken uns und hoffen auf ein Wiedersehen! Den Teufel werden wir tun und mit den eingangs erwähnten Legenden aufzuräumen. Davon sollte sich jeder selbst ein Bild machen. Vielmehr holen wir nochmal zum großen Pathosabschlag aus.

Setzen wir „Void“ – zu Deutsch soviel wie „Leere“ – einfach mal mit dem Begriff „Nichts“ gleich. Schon können wir mit einem Zitat von Properz (a.k.a. Sextus !!!) um uns werfen:

Aus dem Nichts entsteht eine sehr große Legende!

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Richtig schöne Fotos vom Void gibt’s von stonerrock.eu!