Review: Nevermen – S/T (2016)

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Sieben Jahre ist es her, da lies Avantgarde-Rapper Doseone (u.a. Themselves) verlauten, er würde gerade an einem neuen Projekt namens Nevermen basteln. Soweit wäre das ja erst einmal semi-spannend gewesen, hätte er nicht gleich hinterhergeschoben, dass es sich bei genanntem Projekt ausgerechnet um eine Kollaboration mit Mike Patton (u.a. Faith No More) und Tunde Adebimpe (u.a. TV On The Radio) handelt. Drei Lichtgestalten der experimentellen Popularmusik auf einer Platte? Das lies durchaus aufhorchen!

Nach Jahren des Schweigens, in denen wohl keiner mehr so recht an einen tatsächlichen Release geglaubt hätte, liegt nun seit Januar das zehn-Track starke Debut vor. Und das ist überraschend homogen ausgefallen. Denn mögen Nevermen auch ein vermeintledigliches Trio sein, noch dazu eines aus Frontmännern, darf man nicht vergessen, dass einen diese Konstellation gleich mit drei Malefizkerlen konfrontiert, von denen sich keiner so einfach auf eine Stilrichtung festnageln lässt. Durch zahlreiche wie unterschiedlichste Projekte ist man von diesen Herrschaften schließlich das ein oder andere extravagante Süppchen gewohnt. Umso überraschender also, dass am Ende ein für den Hörer nachvollziehbares Werk steht, noch dazu in kompakt-bekömmlichen 39 Minuten.

Nun ist das mit der Nachvollziehbarkeit allerdings selbstredend gemäß dem Interpreten-kosmos zu verstehen. Fordernd und bisweilen sperrig bleibt das im Mid-Tempo angesiedelte Indie-Geschoß nämlich trotz alledem und verweigert sich jeglicher klar definierten Sparteneinordnung. Die Kontraste aus Adebimpes World Music-angehauchter Indie-Rock-Welt, Doseones abstrakter Hip-Hop-Versiertheit und Pattons schier grenzenloser Klangpalette allerdings vertragen sich bestens. Mag letzterer auch die wahrscheinlich deutlichsten Spuren im Songwriting hinterlassen haben, bleibt gerade im Vocal-Performance-Bereich genügend Raum, in dem jeder der Protagonisten zum Zuge kommt und glänzen kann. Bei Nevermen hat man den Eindruck, es wirklich mit einer Gruppierung aus gleichwertigen Mitgliedern zu tun zu haben. Ein Umstand, dem – neben dem ellenlangen Terminkalendern der Beteiligten – sicher auch die lange Wartezeit geschuldet sein dürfte.

Diese hat sich jedenfalls schwer gelohnt! Das zunächst an einigen Stellen unzugängliche Geblubber aus vertrackten Beats, Sample-Spielereien, unerschöpflicher Vokalakrobatik wie Kreativität will sich vielleicht nicht zwingend bei den ersten Hördurchläufen erschließen, kann über kurze Strecken sogar ermüdend sein. Das geschulte Ohr aber, wird in jedem der Songs mit mindestens einem catchy moment belohnt! Die Hooks von Tough Towns, Treat Em Right, und Dark Ear oder ganz besonders das Ende von Non Babylon entfalten unwiderstehlichsten Pop-Appeal. Dazu gesellt sich fiebriger Hibbelrap in At Your Service, die Gorillaz-Cartoon-Nummer Mr. Mistake und Ambientstücke wie Hate On oder das famos abschließende Fame II The Wreckoning. Von der Qualität der fabelhaften Lyrics ganz zu schweigen, die versteckt im kritischen Tough Towns auch einen Vers liefern, der sich perfekt auf Gesinnung, Wirkung, vielleicht sogar Intention der Platte ummünzen lässt:

„Gold goes to the cold war marketing!“

Für Kenner: Nevermen kann im weitesten Sinne als eine gelungene Melange aus TV On The Radios Return To Cookie Mountain, der Peeping Tom-Platte und der ersten 13&God verstanden werden und sei Fans dieser Alben besonders ans Herz gelegt!

Anspieltips: At Your Service, Non Babylon, Tough Towns, Mr. Mistake

Nevermen im Stream:

Nevermen kann man beispielsweise stilecht bei Ipecac auf schwarzem Vinyl im triple-gatefold haben!

Released: 29.01.2016 via Ipecac

Review: Gisli – How About That? (2004)

gisli-how-about-thatDass das schmissige Debut des gebürtigen Isländers Gisli Kristjansson nicht mit Preisen und Lobhuldigungen überhäuft wurde, ist ähnlich unfassbar wie es die Catchyness von How About That? ist. 13 charmant verschrobene Indie-Song-Perlen, die durch Lo-Fi-Pop-Appeal, Detailverliebtheit und scheinbar unerschöpflichen Ideen-reichtum glänzen.

Fair enough: Versucht man, dem Grundimpuls letzterer Qualität auf die Schliche zu kommen, so darf Folk-Rap-König Beck Hansen als Referenz keinesfalls ungenannt bleiben. Vor allem die Pseudo-Big-Beat-Rap-Nummern Go Get Em Tiger, I Don’t Fight, TV=The Devil oder Can You Make Me Right? hätten auch ohne Weiteres aus dessen Odelay-Phase stammen können. Gisli deshalb jetzt schon als Copycat abstempeln? Könnte man machen…. Aber wenn schon, dann bitte als wild fauchende! Wie die auf dem Cover!

Doch selbst damit würde man der Platte A: wahnsinnig Unrecht tun und B: die Stärke der Songs ohnehin nicht entkräften! Lassen wir die Vergleiche deshalb doch einfach mal stecken und erfreuen uns am mitreißenden Sing-Along-Chorus des Openers, der UpBeat-Fuzziness der Slacker-Hymne Straight To Hell oder wiegen uns in der Melancholie der Akustikballaden End Of My Ropes und I’m Trying. Als wäre das nicht schon fast zu viel des Guten, gilt es obendrein auch noch zuckerwarmsüße Nummern wie  Mind Games, The Day It All Went Wrong oder Worries ins Herz zu schließen, die bei all ihrem Charme, spielend den perfekten Soundtrack für Filme der Marke Juno oder MTV-Films-Produktionen wie Save The Last Dance, Joe’s Apartment, mindestens aber Napoleon Dynamite hätten abgeben können.

Überhaupt MTV: Die hätten den Genre-Crossover auf How About That? eigentlich bedingungslos lieben müssen… Und wenn schon nicht den, dann doch bitte wenigstens die großartigen Texte um Starbucks, Low-Fat-Milk, Burger, Mariah Carey, P.Diddy, Prince, Gareth Gates, den Wu Tang Clan und öhm MTV. Hat bei den New Radicals seinerzeit schließlich auch gezogen. Muß man wohl nicht verstehen…

Jeglicher ungerechter Mainstream-Verschmähung zum Trotze, dürfte 90er-Enthusiasten das Herz bei How about that? deshalb nicht weniger hoch schlagen. Gleiches gilt für Fans erwähnter Filme, Beck-Anhänger oder Anticon-Sympathisanten. Ich jedenfalls bekenne mich in allen genannten Punkten mehr als schuldig und bin demnach schwerstens aus dem Häuschen! Mein derzeitiger Favorit aus dem Indie-Sektor, den ich leider erst viel zu spät für mich entdeckt habe! Jeder Song ein Treffer!  Go get em tiger!!!

 Anspieltipps: Go Get Em Tiger, I Don’t Fight, Worries, Mind Games, How about that?….

How About That? im Stream:

How about that? bekommt man derzeit für lächerliche Cent-Beträge auf Amazon hinterhergeworfen! Der etwas bodenständigere, weitaus weniger hibbelige und ebenso hörenswerte Nachfolger Build-Ups & Break-Downs hat es leider nie bis zur offiziellen Veröffentlichung geschafft. Wohl aber auf die Soundcloud-Page des Künstlers! Ein neues Album, des zuletzt vor allem als Produzent tätigen Protagonisten, ist zudem gerade in der Mache! So how about that? YEAH!

Released: 2004 via EMI