Review: The Velvet Underground & Nico (1967)

artwork by Andy Warhol

Wenn schonmal so etwas großes wie ein 50-jähriger Geburtstag zu einer derart großen Platte wie dem ‚Bananenalbum‘ von The Velvet Underground ansteht, dann darf man wohl sicherlich auch einmal ein paar Worte über einen Klassiker verlieren, über den eigentlich schon alles gesagt wurde, oder? Und sei es nur, um dem innerlichen Drang einer öffentlichen Liebesbekundung nachzukommen. Here she comes, you better watch your step. She’s going to break your heart in two.

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Review: Suns of Thyme – Fortune, Shelter, Love and Cure (2013)

Artwork by Lionel Williams

Haben mich Suns of Thyme auf dem diesjährigen Void Fest live zwar sofort für sich gewinnen können, hat es auf der Platte Fortune, Shelter, Love and Cure etwas länger gedauert. Zuerst lediglich als lässig gefällige Nebenbeimucke empfunden, wurde mir die wahre Größe dieses Releases erst nach mehreren Hördurchgängen bewusst. Die 10 Tracks verlangen nach dem richtigen Moment um ihren vollen Glanz versprühen zu können.

 

 

In meinem Falle taten sie das nach einem kurzen, aber gewaltigen Sommergewitter. Die Musik der Berliner sollte sich als das adäquate, vertonbildlichte Gegenstück für einen Spaziergang durch nasses, dampfendes Weidegras erweisen. Schritttempo. Schwer und traurig. Leicht verschroben. Glitzernde, weite Flächen. Der Natur beim Erholen im Sonnenbad zusehen und eine Prise Herbst in der Luft. Dem Gasgemisch der Erdatmosphäre bleibt erstaunlich viel Raum, was bei dem eigentlich mit halligen Effektpedals, Backgroundchören, Sitarsounds, Schellenkranzorgien und flächigen Synthies regelrecht zugeballerten Psychedlic/Krautrock/Shoegaze – Gebräu schon bemerkenswert erscheint. Die richtigen Stellen verdichtet, klare Strukturen und wie unverschämt gut klingen denn bitte diese dumpfwarmhölzernen Bässe?

Pink Floyd, The Doors, Velvet Underground. Seattle und Woodstock. Die Paten zum Retrohippiesound mit tollen Songs wie The way oder The years we got are not enough, scheinen schnell ausgemacht. Denkste, denn nach Blue Phoenix Tree beginnt der spannende, große Ausstieg aus der Platte!

Bei den ersten Tönen von Cataclysm 2084 meint man plötzlich einem anderen Interpreten zu lauschen. Trip Hop! DJ Shadow! Underworld! NIN und Tool! Vielleicht sogar Moby oder Fatboy Slim!? Ich hör so unglaublich viel in diesem Stück! Der Blick, über die üblichen Verdächtigen hinaus, in etwas fremdere Gefilde tut dem Album wahnsinnig gut! Mein absoluter Favourit:

Dicht gefolgt allerdings von der sechsminütigen Mantrakanone Asato Maa. Tibetische Gebetsmühle mit heavy Gitarrenchorus! Derbe gut:

Die Drums bleiben anschließend im Keller wenn die Lebensgeister zu Akustikgitarren in die Nebelschwaden tiefblauer Gewässer gehaucht werden. Earth, Over. Und meiner mittlerweile recht esoterischen Wortwahl nach zu urteilen, wurde mir das Arkanprinzip von Fortune, Shelter, Love and Cure wohl soeben zuteil. Richtig gut!

Dringende Kaufempfehlung gilt natürlich allen Genrefans, sowie im Speziellen auch naturverbundenen Menschen, die auf der Suche nach einem Soundtrack für intensive Draussenmomente sind. Auf Vinyl z.B. schon für läppische 15 Euro zu haben!            Go for it und der Musik etwas Zeit gönnen. Außerdem unbedingt bei Gelegenheit live anschauen!

Blue Phoenix Tree

Fortune, Shelter, Love and Cure im Stream:

Released 15.11.2013 via Motor & Electric Magic

Der The Magick Lantern Cycle ist cool (XXX019)

magick_lantern

Die Themen Kurzfilm und Okkultismus standen hier ja erst kürzlich zur Debatte. Da außerdem Halloween schon so langsam vor der Tür steht, könnte der Zeitpunkt für einen Kenneth Anger – Eintrag nicht besser gewählt sein.

Der erste Kontakt zu diesem kontroversen Filmemacher entstand bei mir über die Doku The Beach Boys and Satan. Diese behandelt unter anderem die Verbindung der Sunnyboys zu Charles Manson, im speziellen aber die zum aufstrebenden Schauspieler, Musiker und Manson-Jünger Bobby Beausoleil. Der noch immer inhaftierte Ganove(!) spielte 1966 die Hauptrolle in Angers bekanntestem Output Lucifer Rising, heute Bestandsteil und Finale der 9-teiligen Kurzfilmreihe „The Magick Lantern Cycle„, die den Kern Angers‘ Schaffen darstellt. Vor allem wegen dieser gilt der bekennende Anhänger der von Hexenmeister(!) Aleister Crowley iniziierten Religion Thelema als Pionier des amerikanischen Undergroundkinos.

Zu sehen gibt es massig skurille Charaktere in opulenten Outfits mit stark okkutlem Bezug und einer ordentlichen Portion Homoerotik, für die Anger seinerzeit auf jeden Fall eine Lanze gebrochen hat. Ruft man sich das Alter dieser Filme in Erinnerung erkennt man, dass dieser Mann definitiv Eier hat!

Auf Dialoge wird komplett verzichtet, dafür gibt es zum Teil heftig creepy Soundcollagen, für die auch mal die ein oder andere Rocklegende Pate stand…

Auf, auf durcharbeiten und bitte keinen plakativen Horrorquatsch erwarten!

1.Fireworks (1947)

Homoerotischer Matrosen Flick in Schwarz-Weiss. Heimlich im eigenen Elternhaus gefilmt und mit Kenneth Anger selbst in der Hauptrolle. Nach eigener Aussage das einzige was er zum Leben eines 17-jährigen zu sagen hat. Wird im letzten Drittel ganz schön grob…

2.Puce Moment (1949)

Anger spielt mit den Abendkleidern seiner Großmutter. Zweite Version dieses Films mit neuer Musik von einem Mann namens Jonathan Halper, der wohl sonderlich nicht weiter bekannt sein muss. Ein leicht schräg anmutendes Weib(!) parfümiert sich und träumt sich nach draussen. Irgendwie kommt das sehr nahe an das Gefühl welches ich bei The Velvet Underground & Nico verspüre. Ein Strauss Hunde ist auch mit von der Partie!

3.Rabbit's Moon (1950)

Beklemmender Soundtrack! Wenn dies auch zugegebenermassen nicht der echte ist. Die letzte von Anger verfasste Version kam mit dem „It came in the night“ – loop der Gruppe „A Raincoat“ etwas alberner rüber. Ich ziehe untrue wie ich bin diese Fanmade-Version vor, weil dramatischer.  Ein Clown versucht den Mond zu fangen, wird daraufhin von einem Harlekin geneckt und macht einer jungen Dame den Hof. Blau ist die Farbe der Sehnsucht. Hab ich in dieser Form zum einschlafen geschaut und hab die Nacht etwas unruhig verbracht.

4.Eaux D'Artifice (1953)

Klanglich und farblich geht es ähnlich weiter. Eine Frau irrt durch diverse italienische Springbrunnenanlagen. Von Kritikern gefeiert, aus meiner Sicht verzichtbar. Aber ich versteh ja auch nix von Kunst…

5.Inauguration Of The Pleasure Dome (1954)

Der Hauptdarsteller hat Schmuck zum fressen gern, ist Struwelpeter– und Marge Simpson-fan, trägt sein eigenes Merchandise und macht auch als Ramses eine gute Figur. Osiris hör ich da? Nene, das ist der gute alte Ramses! Wird in Kennerkreisen als Hommage an Aleister Crowley gehandelt, den der Hauptcharakter ebenfalls mimt. Silberkugeln machen nicht nur Werwölfe kirre, in der Hölle laufen Opereten und auch die Dame aus bereits bekanntem „Puce Moment“ befindet sich eben dort. Furchteinflössendes Teil! Bisschen zu lang vielleicht…

6.Scorpio Rising (1963)

(Aufgrund des hochkarätigen Soundtracks leider proxybedürftig)

Wahnsinnsjacken! Wahnsinnslogos! Wahnsinnsfrisen! Und die Jungs wissen wie man mit Fluppen umgeht! Charmanter Streifen der zu 50er/60er-Jahre-Soundtrack Bikerkult, Naziästhetik, Jesus und auch etwas Schwansss miteinander verknüpft. Hat seinerzeit die ein oder andere Kontroverse ausgelöst.

Bringt mir eine Anekdote einer ehemaligen Arbeitskollegin zurück ins Gedächtnis. Die nämlich war mit dem Vorstand eines Bikerclubs verheiratet. Ein Teil deren Aufnahmeprüfung: Der Neuling muss eine Grube ausheben und seine Kutte darin platzieren. Anschließen darf dann jedes Gangmitglied sowohl einen saftigen Burnout auf dem guten Stück hinlegen als auch flächendeckend darauf urinieren. Die Kutte muss danach getragen und nie wieder gewaschen werden.

Somit erscheint mir so manches was man hier zu sehen bekommt gar nicht allzuweit hergeholt. Scorpio Rising ist wohl das was man gemeinhin als Kult bezeichnet!

 

7.Kustom Kar Kommandos (1964)

Wir lauschen den Klängen der irren Paris Sisters während ein blonder Schönling seinen Hotrod pflegt. Braucht die Welt jetzt nicht wirklich, ist aber im Anschluss an „Scorpio Rising“ recht erfrischend und darf wohl auch als eine Art Erweiterung gesehen werden.

8.Invocation of my Demon Brother (1969)

Mick Jagger schmeisst den Moog an und spielt sich gleich auch noch selbst. Eingangs erwähnter Bobby Beausoleil macht uns den Luzifer und neben Anger tummelt sich auch Church of Satan – Gründer Anton Lavey unter dem munteren Haufen. Hohes Staraufgebot wenn man so will. Geraucht wird aus einem Schädel, die Hunde tragen Schnauzbart, Schwansss ist in etwa halb so groß wie Saturn und eine Hauskatze soll wohl auch irgendwo in dem Geschwurbel beigesetzt werden. Soll im übrigen Mitschuld an „Sympathy for the Devil“ tragen.

ZAP
YOU’RE PREGNANT
THAT’S WITCHCRAFT

Mein Favourit der Reihe!

9.Lucifer Rising (1970-1980)

Wir sind beim letzten Akt angelangt. Bobby Beausoleil bleibt bei seiner Paraderolle des Luzifers (zwischenzeitlich war da auch mal Mick Jaggers jüngerer Bruder Chris im Gespräch) und stiehlt anschließend die Filmrollen um Anger zu erpressen, wird wg. des ersten „Manson-Mordes“ an Gary Hinman zu lebenslanger Haft verurteilt und liefert vom Gefängnis aus den Soundtrack nach, den ursprünglich Zeppelin-Urgestein Jimmy Page zusteuern sollte und wohl auch irgendwann mal hat. Die Entstehung zog sich dementsprechend über Jahre hinweg ehe man ihn 1980 erstmals zu Gesicht bekam.

Sehr Ramseslastig und irgendwie entspannend. Bisschen Pink Floyd-Feeling. Ein guter Abschluss!

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Ich bin begeistert und nehme natürlich nur einen Bruchteil der Informationsfülle des „Magick Lantern Cycles“ wahr. Sicherlich gibt es da dutzenderweise Interpretationsansätze mit denen man sich nach belieben austoben kann. Ich für meinen Teil bin jedoch erstmal gesättigt und nehme das gesehene einfach mal so hin.

Der Legende nach schuf Anger wohl um die 40 solcher Kurzfilme, viele davon mittlerweile zerstört oder verloren. Diese 9 stellen somit den traurigen Rest dar. Bitte würdigen!

Seine Bücher Hollywood Babylon I + II sollen übrigens auch ziemlich dope sein!

Tue was du willst!

St. Anger!