Review: Roamer – What The Hell (2018)

What The Hell!? Während man bei Songtiteln wie Open My Pants, Sick Enough, Bye Bye Baby, Touchscreen, Rebel oder der grauselig kastigen Typografie, die die vorliegende Platte ziert und damit im krassen Kontrast zu den arty-anspruchsvollen Photo.-montagen steht, schon fast schreiend davonlaufen möchte, überrascht einen der musikalische Inhalt dann doch ungemein. Roamer schleifen den Hörer nämlich gnadenlos an den Haaren einmal quer durch die alternative Musiklandschaft. Weiterlesen

Review: Nevermen – S/T (2016)

consequenceofsound.net

Sieben Jahre ist es her, da lies Avantgarde-Rapper Doseone (u.a. Themselves) verlauten, er würde gerade an einem neuen Projekt namens Nevermen basteln. Soweit wäre das ja erst einmal semi-spannend gewesen, hätte er nicht gleich hinterhergeschoben, dass es sich bei genanntem Projekt ausgerechnet um eine Kollaboration mit Mike Patton (u.a. Faith No More) und Tunde Adebimpe (u.a. TV On The Radio) handelt. Drei Lichtgestalten der experimentellen Popularmusik auf einer Platte? Das lies durchaus aufhorchen!

Nach Jahren des Schweigens, in denen wohl keiner mehr so recht an einen tatsächlichen Release geglaubt hätte, liegt nun seit Januar das zehn-Track starke Debut vor. Und das ist überraschend homogen ausgefallen. Denn mögen Nevermen auch ein vermeintledigliches Trio sein, noch dazu eines aus Frontmännern, darf man nicht vergessen, dass einen diese Konstellation gleich mit drei Malefizkerlen konfrontiert, von denen sich keiner so einfach auf eine Stilrichtung festnageln lässt. Durch zahlreiche wie unterschiedlichste Projekte ist man von diesen Herrschaften schließlich das ein oder andere extravagante Süppchen gewohnt. Umso überraschender also, dass am Ende ein für den Hörer nachvollziehbares Werk steht, noch dazu in kompakt-bekömmlichen 39 Minuten.

Nun ist das mit der Nachvollziehbarkeit allerdings selbstredend gemäß dem Interpreten-kosmos zu verstehen. Fordernd und bisweilen sperrig bleibt das im Mid-Tempo angesiedelte Indie-Geschoß nämlich trotz alledem und verweigert sich jeglicher klar definierten Sparteneinordnung. Die Kontraste aus Adebimpes World Music-angehauchter Indie-Rock-Welt, Doseones abstrakter Hip-Hop-Versiertheit und Pattons schier grenzenloser Klangpalette allerdings vertragen sich bestens. Mag letzterer auch die wahrscheinlich deutlichsten Spuren im Songwriting hinterlassen haben, bleibt gerade im Vocal-Performance-Bereich genügend Raum, in dem jeder der Protagonisten zum Zuge kommt und glänzen kann. Bei Nevermen hat man den Eindruck, es wirklich mit einer Gruppierung aus gleichwertigen Mitgliedern zu tun zu haben. Ein Umstand, dem – neben dem ellenlangen Terminkalendern der Beteiligten – sicher auch die lange Wartezeit geschuldet sein dürfte.

Diese hat sich jedenfalls schwer gelohnt! Das zunächst an einigen Stellen unzugängliche Geblubber aus vertrackten Beats, Sample-Spielereien, unerschöpflicher Vokalakrobatik wie Kreativität will sich vielleicht nicht zwingend bei den ersten Hördurchläufen erschließen, kann über kurze Strecken sogar ermüdend sein. Das geschulte Ohr aber, wird in jedem der Songs mit mindestens einem catchy moment belohnt! Die Hooks von Tough Towns, Treat Em Right, und Dark Ear oder ganz besonders das Ende von Non Babylon entfalten unwiderstehlichsten Pop-Appeal. Dazu gesellt sich fiebriger Hibbelrap in At Your Service, die Gorillaz-Cartoon-Nummer Mr. Mistake und Ambientstücke wie Hate On oder das famos abschließende Fame II The Wreckoning. Von der Qualität der fabelhaften Lyrics ganz zu schweigen, die versteckt im kritischen Tough Towns auch einen Vers liefern, der sich perfekt auf Gesinnung, Wirkung, vielleicht sogar Intention der Platte ummünzen lässt:

„Gold goes to the cold war marketing!“

Für Kenner: Nevermen kann im weitesten Sinne als eine gelungene Melange aus TV On The Radios Return To Cookie Mountain, der Peeping Tom-Platte und der ersten 13&God verstanden werden und sei Fans dieser Alben besonders ans Herz gelegt!

Anspieltips: At Your Service, Non Babylon, Tough Towns, Mr. Mistake

Nevermen im Stream:

Nevermen kann man beispielsweise stilecht bei Ipecac auf schwarzem Vinyl im triple-gatefold haben!

Released: 29.01.2016 via Ipecac

Review: Faith No More – Sol Invictus (2015)

Faith_No_More_-_Sol_Invictus_Album_CoverWie kürzlich schon bei Failure, habe ich hinsichtlich einer Besprechung auch im Falle von Faith No More bewusst Zeit verstreichen lassen. Die Begleitumstände sind sich nämlich garnicht so unähnlich. Gerade was das Thema Zeit angeht. Und damit ist nicht mal primär der Abstand von schlappen 17 Jahren zwischen Sol Invictus und seinem Vorgänger gemeint, sondern vor allem die Reifezeit!

 

Als kein besonders großer Freund von Reunions, war ich zunächst erst einmal damit zufriedengestellt, die Band mit ihrem Comeback-Album in keinster Weise blamiert vorzufinden, wie das bei aufgewärmten Geschichten gut und gerne mal der Fall sein kann. Okay, wenn Mike Patton irgendwo involviert ist, kann man die Furcht vor Enttäuschung eigentlich sowieso links liegen lassen. Aber man weiß ja nie… Ich dachte schließlich auch mal, dass dieser Jenige nie an optischer Sexyness einbüßen würde. Boy, was I proved wrong. Aber ist ja auch verständlich bis egal. Der Vokalakrobat wird in wenigen Tagen schließlich 48 und was noch viel wichtiger ist: Die Stimme ist wahrscheinlich immernoch die Stärkste im Rock-Sektor! Und die Platte? Die ist immerhin mehr als okay! Soweit mein erster Eindruck!

Nun ist es aber so, dass sich FNM-Songs zu Beginn sowieso in den seltensten Fällen wirklich werten lassen. Die eingängigen Melodien, der Stimmungsaufbau und das ausgefeilte Songwriting mögen sicherlich sofort auffallen. Catchyness und Hitpotential hingegen entfalten sich bei dieser Truppe gerne etwas später. Da können schonmal Monate ins Land ziehen. So verhielt es sich schon mit dem Meilenstein Angel Dust und auch mit dem ersten Albumvorboten der aktuellen LP, Motherfucker, der es einem durch seinen plumpen Titel/Text und spärlichen Aufbau gleich doppelt und dreifach schwer machen wollte die wahre Größe zu erkennen:

Wie gehabt, leben FNM auch auf ihrem neuesten Output von ihrem Frontman. Die generelle Anziehungskraft der Band alleine darauf zurückzuführen ist natürlich trotzdem reiner Unsinn. Die Songwritingskills von Roddy Bottom und vor allem Billy Gould, dessen Grundgerüste sowieso erstmal Initialzündung für neues Material waren, müssen als mindestens genauso wichtig erachtet werden. Sonst hätte die Musikwelt auch mit den ähnlich agierenden Tomahawk glücklich werden können und dürfen. Was denen im Vergleich jedoch atmosphärisch abgeht, lässt sich schlecht beschreiben, wohl aber schon im mutigen Opener und Titeltrack Sol Invictus erfühlen:

Wie der Einstieg, badet sich auch das gesamte Album in gewohnter Extravaganz. Was es darüberhinaus gleichzeitig auch extraordinär macht, ist nicht nur der Tatsache geschuldet, dass es sich überraschend gut in die Band-Diskografie einreiht, sondern auch wie sparsam es in punkto Umfang ist. Wo manch andere Rock-Veteranen auf Platte gerne mal der Überkompensation frönen, kommt Sol Invictus mit knackigen 39 Minuten um die Ecke und bringt damit locker alles auf den Punkt.

Laid-Back-Verspieltheiten und Aggressionsschübe vermischen sich innerhalb der Songs mitunter soweit, dass sich beide Ansätze am Ende nicht mehr unterscheiden lassen. Am Ende steht ein entspannt düsteres Mid-Tempo-Album. So ironie- und pathosgeladen, abgehoben, schräg, unkonventionell, eigensinnig und sexy wie man es von FNM kennt und liebt. Sunny Side Up bringt den Easy-Listening-Flair ihres weltberühmten Commodore-Covers zurück, Separation Anxiety und Cone of Shame lassen die Heavy-Metal-Wurzeln blitzen während Rise of the Fall zu Kastagnetten-klappern mit dieser Mafia-Film-Ästhetik kokettiert, die Italien-Fan Patton spätestens seit California von Mr.Bungle besonders gut zu Gesicht steht und mit Mondo Cane ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte. Das noch viel cineastischere Matador und der sonnige Abspann From the Dead runden das Film-Soundtrack-Feeling perfekt ab.

Einzig das aus dem Rahmen-fallende Black Friday mag mir nicht so recht gefallen, ansonsten bleibt Sol Invictus abgesehen von den teilweise etwas arg einfallslos wirkenden Lyrics makellos und steht mindestens auf einer Stufe mit Album of the Year. Bei derartig starken Songs, darf Patton meinetwegen aber auch gerne weiterhin über Leprechauns, Spiegeleier, Superhelden und Matadore singen. Eine der besten Bands aller Zeiten! IMMERNOCH!

Ob und wie es nun weitergeht im Hause FNM, hat die Band sich erstmal offen gelassen. Mike Patton jedenfalls steht schon mit Nevermen in den Startlöchern. Zusammen mit Doseone von Themselves und Tunde Adebimpe von TV On The Radio. Klingt sehr vielversprechend und könnte definitiv eine der großen Platten des jungen Jahres werden!

Sunny Side Up

Separation Anxiety

Anspieltips: Motherfucker, Sunny Side up, Superhero, Sol Invictus

Sol Invictus im Stream:

Das mit starken Fotos versehene Sol Invictus kann man beispielsweise stilecht über Ipecac auf weißem Vinyl erwerben!

Released: 19.05.2015 via Reclamation! / Ipecac