Bloß keinen Koller kriegen (Ngf007)

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Vor einigen Wochen habe ich mich mit den Jungdarstellern und Bewohnern des Theater des Fränkischen Theaters im Schloss Maßbach unterhalten. Ein Artikel dazu findet sich in der heutigen F.A.Z. und natürlich auch im folgenden Fließtext:

„Wir befinden uns gerade im Bahnhofszimmer. Das heißt so, weil es direkt am Flur liegt. Man hat quasi die Hauptverkehrsstraße, auf der ständig Menschen unterwegs sind, direkt vor der Zimmertür. Hier drin fühlt man sich dann teilweise echt wie am Bahnhof.“ Das Zimmer ist eines von 20 im Schloss Maßbach, das in einem Park über dem unterfränkischen Marktflecken liegt. Gleich sprudeln dem 29-jährigen gebürtigen Hamburger Nilz Bessel noch weitere wilde Namensgebungen über die Lippen. Darunter Apfelzimmer, Eichhörnchenzimmer, wahlweise Käuzchenzimmer genannt, oder das Zimmer Nr. 8. „Das ist tatsächlich etwas mysteriös und hier im Hause vor allem als Sterbezimmer geläufig, weil hier mal ein Mensch gestorben ist. Natürlichen Todes wohlgemerkt.“

Hausherrin Anne Maar, geboren 1965 und seit 2003 Theaterchefin, und ihre jungen Darsteller kichern. Dazu gehört in der heutigen Runde neben Bessel noch Iris Faber, ebenfalls aus Hamburg und 1981 geboren. Im Fränkischen Theater, einem kleinen staatlich subventionierten Privattheater, sind acht Theaterleute – neben Schauspielern auch Regie und Theaterpädagogik – untergebracht, die in der früheren Fabrikanten-Villa Wohn- und Arbeitsplatz finden. Das Schloss, wie es genannt wird, entstanden am Ende des 19. Jahrhunderts, hat eine immense Geschossfläche von 1800 Quadratmetern. Das Anwesen erstreckt sich über rund sechs Hektar, Park inklusive.

Eigentümer ist der Freistaat Bayern, über das Staatliche Bauamt in Schweinfurt wird die Liegenschaft betreut. Das Gebäude hat eine bewegte Geschichte. Es war Industriellenvilla, Herstellungsort pharmazeutischer Erzeugnisse, Ausbildungsstätte des NS-Lehrerbundes, sogar ein Mord fand 1929 darin statt, dem die Frau des damaligen Eigentümers zum Opfer fiel.

Die Unterbringung im Schloss habe erst mal ganz pragmatische Gründe, erklärt Anne Maar. „Wenn ein Schauspieler von weiter weg bei uns engagiert wird, ist es natürlich praktisch, wenn dann gleich ein Zimmer vorhanden und nicht erst große Wohnungssuche angesagt ist.“ Bessel erklärt: „Der Arbeitsweg ist kurz. Selbst wenn man verschläft, ist man immer noch pünktlich. Dazu kommt der direkte Kontakt mit den Kollegen.“ Das findet auch Iris Faber: „Das ist das Spezielle an diesem Haus, dass die Gemeinschaft eben so toll ist, dass man gut zusammen wohnen und arbeiten kann. Dadurch entstehen auch viel dichtere Arbeiten, und es gibt auch keine Ellenbogen.“

Diese dichten Arbeiten werden auf drei Spielstätten gezeigt: dem Intimen Theater mit 86 Plätzen im Schloss, der Freilichtbühne mit 326 Plätzen hinter dem Schloss und dem Gärtnerhaus, das zum Jugendtheater ausgebaut wurde und Theater im Pferdestall genannt wird. Dort läuft zum Beispiel Tschick von Wolfgang Herrndorf.

Anne Maar ist mit dem Theater aufgewachsen, als es noch von den Großeltern geleitet wurde. „Wenn ich mich mit Bewerbern unterhalte, ist natürlich die Frage, ob sie sich vorstellen können, hier mit den ganzen Kollegen auf dem Land zusammenzuleben, ein wichtiger Punkt. Manchmal gibt es da dieses Gefühl: Es ist zwar ein guter Schauspieler, aber innerhalb dieser Gemeinschaft nicht sozialkompatibel.“

Iris Faber kommt hingegen immer wieder gerne für neue Stücke in die unterfränkische Provinz. Jahr für Jahr bietet das gut besuchte Theater elf Premieren, die auch an 25 Gastspielorten gezeigt werden. Da das Theater Landesbühnenfunktion hat, sind Gastspielverpflichtungen selbstverständlich. Aschaffenburg im Westen, Pfronten im Allgäu und Burghausen im Süden, aber auch Schmallenberg in Nordrhein-Westfalen – das sind alles aktuelle Außentermine der Bühne, die seit 1997 von Dramaturg Sebastian Worch betreut werden. Natürlich liegt ein Schwerpunkt in der Region, in den das Theater unterstützenden Landkreisen um Schweinfurt, Hassfurt, Bad Neustadt und Bad Kissingen. „Immer saisonal für ein oder zwei Stücke bin ich da“, erläutert Iris Faber. „Je nachdem, wie es gerade passt, auch mal für drei. Letztes Jahr war ich neun Monate hier.“ Sie und Nilz Bessel sind ein Paar, haben sich hier kennengelernt und im Sommer in „Lippels Traum“ von Paul Maar gemeinsam auf der Freilichtbühne gestanden.

Solche Zeitspannen, mit zwei täglichen Proben zu je vier Stunden und dem nicht zu unterschätzendem Inselweltcharakter – der durch die Abgeschiedenheit des Gebäudes am Berg zustande kommt – verursachen mitunter das, was die Gemeinschaft liebevoll den „Maßbach-Koller“ nennt. „Zwei bis sieben Tage dauert so ein Koller. Dann will man einfach nur weg. Die Decke fällt einem auf den Kopf, und man hat das Gefühl, mal etwas anderes sehen zu wollen. Andere Leute und Theater, aber auch mal Kino, Bar, Tanzclubs oder was weiß ich. Das kommt immer wieder vor, aber dann ist auch wieder gut.“ Damit solche, von Anne Maar, die übrigens selbst nicht im Schloss wohnt, geschilderten Momente nicht die Überhand gewinnen, gibt es seit drei Jahren die Regelung, wonach kein Schauspieler mehr als drei Stücke hintereinander spielt. Zu groß seien sonst die psychischen und physischen Belastungen, die sich durch die Kombination aus Probe und Aufführung ergeben.

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