Pure, genießerische Wirklichkeit – Ein Interview mit Zikade (Ngf001)

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Geheim

All this time I’m asking where to go when I get there.“ Benjamin Drees, ein hagerer Mann Anfang 20 mit wuscheligem Haar, blickt zufrieden vor sich hin, während die Worte sanft aus den Boxen kriechen und die kleine 1-Zimmer-Wohnung in Berlin Mitte erfüllen.

Es sind seine Worte und Teil eines neuen musikalischen Projektes, welches vor knapp einem Jahr begann und nun in Kürze unter dem Künstlernamen „Zikade“ das Licht der Welt erblicken soll. Eine ganze Hand voll Stücke sind es geworden, die alle die Sprache des Neuen, des Unentdeckten, der Erfahrung sprechen. Dieser Eindruck kommt nicht von ungefähr, sind die interessanten Klanggerüste doch fast wie eine Art Tagebuch zu verstehen und Versinnbildlichung eines etwa halbjährigen Israel-Aufenthaltes, der Ende 2012 begann. Ein wenig ungewöhnlich erscheint die Zielsetzung ins Land der Bibel dabei, ist man es doch eher gewöhnt, junge Menschen als Au-pair oder im Rahmen des Work-and-Travel-Programmes nach Australien, Asien oder Neuseeland pilgern zu sehen. Dabei kann gerade das israelische Kibbuz-System bieten, was viele der Reisenden suchen: frische und unabhängige Lebensperspektiven als Lohn gegen gemeinnützige Arbeit. Einmal auf seine Erfahrungen angesprochen, blickt man in ein weit aufgerissenes Augenpaar, welches die Begeisterung, trotz wohldurchdachter Wortwahl, kaum zu verbergen mag.

481578_10201208631840913_944684687_nDie Idee zur Reise sei ihm schon vor knapp 6 Jahren gekommen und gehe auf den Kontakt zu israelischen Musikern zurück, die er in Berlin kennenlernen durfte und eine Freundschaft zu Tage förderte, die erstmals zu einem zweiwöchigen Kurzbesuch in Israel führen sollte und den Wunsch aufkeimen ließ, dieses Land einmal über einen längeren Zeitraum zu erfahren. Der letztendliche Entschluss, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen, kam dann sehr spontan und die Wahl auf Neot Semadar, ein Kibbuz südlich in der Wüste Negev gelegen, ganz natürlich, nachdem es ihm als „der schönste Ort auf Erden“ angepriesen wurde.

 

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              Geheim

Keine utopische Übertreibung, wie sich zeigen sollte: eine Oase mitten in der Wüste. Palmenwälder, ein großer See und die Berge von Jordanien im Hintergrund, die täglich die Farben zu wechseln schienen, versprühten schnell den erhofften Charme des Garten Eden. Dass man natürlich nicht nur zum reinen Vergnügen, sondern auch als tatkräftige Unterstützung vor Ort war, wurde natürlich von vornherein über einen freundlichen Email-Kontakt abgeklärt und verinnerlicht. Diese Freundlichkeit spiegelte sich dann auch direkt am Arbeitsplatz wieder, denn die Oberhäupter, wie Benjamin die Kibbuz-Leiter liebevoll nennt, waren stets darauf bedacht, jedem eine nützliche Tätigkeit zukommen zu lassen, mit der sich derjenige identifizieren konnte. Im Gegensatz zu den permanent dort lebenden Menschen hat man als sogenannter Voluntär, wie Drees einer war, keinen festen Arbeitsplatz, sondern ist eher so etwas wie Mädchen für alles. So varriierten die Aufgabenbereiche vom anfänglichen Küchendienst über die Aufsicht im Kindergarten bis hin zum Mischen von Likören und dem Abfüllen von Weinen für den Verkauf. Neot Semadar ist nämlich vor allem auch als Produzent diverser Ökoprodukte bekannt. Mitunter gab es aber auch echte Knochenjobs zu verrichten. So bleibt besonders die Erinnerung an die Dattelplantage präsent, bei der es Aufgabe war, auf sämtliche Palmen zu klettern und die giftigen Dornen mittels einer Machete abzuschlagen, um einen reibungslosen Ernteablauf im darauffolgendem Halbjahr zu gewährleisten.

Trotz zweier, je einstündiger Pausen sicher kein Zuckerschlecken, bei Arbeitszeiten von fünf Uhr morgens bis vier Uhr mittags und den wüstengegebenen Temperaturen. „Gar nicht so schlimm“, meint Benjamin, denn die Eingewöhnungszeit sei ungewöhnlich schnell vonstatten gegangen, was er vor allen Dingen der wunderschönen Umwelt zugute hält. Außerdem gab es jeden Abend Entlohnung für die großen Mühen, was für ihn auch schönstes Erlebnis bleibt: das Treffen mit den anderen Voluntären am Lagerfeuer, bei dem man Geschichten austauschen, den unzähligen Musikern lauschen oder auch jederzeit Leute zum Improvisieren eines neuen Musikstückes finden konnte. Man machte sich kleine Geschenke und hatte sich lieb. Quasi der Hippie-Traum, ohne die sich aufzwängende Subkultur. Zusammenfassend bezeichnet er dieses allabendliche Szenario als „pure, genießerische Wirklichkeit“.

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Doch war bei all der Schönheit natürlich nicht alles Gold, was glänzt. Interessant und befremdlich zugleich erschien ihm die Tatsache, dass leicht sektisch mit den Lehren Hare Krischnas, Giojeff oder Rudolph Steiner hantiert wurde, was einerseits zusammen mit der Monotonie des puren Glücks zunehmend bedrückender auf ihn einwirkte, aber ihm andererseits den Abschied aus dem Exil auch maßgeblich erleichterte. Ein etwas kürzerer Aufenthalt in Jerusalem sowie in einem weiteren Kibbuz im Norden sollten folgen, ehe es März 2013 wieder zurück ins heimische Berlin ging.

Die Frage, ob er sich denn durch die Reise verändert habe, schmeckt ihm nicht sonderlich. Vielmehr ist er der Ansicht, dass ein wenig personelle Veränderung im Alltag eines Jeden stattfindet. Dafür müsse man nicht verreisen. Wenn überhaupt, so habe seine Auslandserfahrung diesen Prozess etwas beschleunigt und ihn mit einer geballten Ladung einprägsamer Momente zurückgelassen. Und das möchte er auch dabei belassen. Zu naiv wäre es zu glauben, man könne die gleichen Erfahrungen am gleichen Ort immer und immer wieder machen. So wird seine Israel-Reise auch keine Wiederholung finden, da er für sich bereits das Beste herausgeholt zu haben glaubt. Was er hingegen in aller Regelmäßigkeit wiederholt, ist die Pflege des Kontaktes zu neugewonnenen Freunden, die er nun in aller Welt hat. Alleine das war ihm die Reise schon wert. Interessierten, die es ihm gleich tun wollen, rät er, nur das Nötigste zu planen, um den Rest der eigenen Intuition zu überlassen. Es sei doch schöner, nicht schon von Beginn an zu wissen, was man am Ende sein Eigen nennen kann. Die Freude an der Ungewissheit sozusagen, die auch das eingangs zitiertes Zikade – Stück „Running from Despair“ zu versprühen weiß: „And in the end I may be smarter…“

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Interview vom 02.01.2014
Photos aus dem Archiv von Benjamin Drees
Zikade-Webpräsenz

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