Erfahrung und Eroberung – Ein Interview mit Patrick gaG Wagner (Ngf011)

Man kann Patrick gaG Wagner sicher einiges vorwerfen, nicht aber sich jemals angebiedert zu haben. Kompromisse ging er weder als Vordenker seiner ehemaligen Eskalations-Rock-Band Surrogat noch als einstiger Betreiber der Nischenlabels Kitty-Yo und Louisville Records ein. Abseits vom Mainstream bewies er dabei sowohl als Musikschaffender wie auch als Förderer neuer Interpreten immer wieder Mut zum Risiko. Die Entschlossenheit, den Fokus noch vor Geld und Image auf die Kunst zu richten, führte in der Vergangenheit zu zahlreichen Veröffentlichungen, die sich allesamt mit dem Prädikat hörenswert schmücken dürfen. Nach Jahren der musikalischen Abstinenz, in denen man seine Eigensinngkeit in der hiesigen Musiklandschaft schmerzlich vermissen durfte, lässt Wagner nun wieder von sich hören. Zusammen mit Bassistin Yelka Wehmeier, Gitarristin Helen Henfling sowie einem Drumcomputer wagt er sich seit geraumer Zeit sogar wieder auf die Bühne. Das neue Biest lärmt unter dem Namen Gewalt und hat sich die ‚Verdichtung der Unmöglichkeit und Unentrinnbarkeit unserer Existenz‘ auf die Stirn geschrieben. Radikal, ungestüm, skandalös und großmäulig. So Soll Es Sein!

Im kürzlich geführten Interview wird Altes wie Neues angesprochen. Seid ihr mit mir?

——————————————————————————————————————–

In welcher Größenordnung bewegt sich Patrick Wagner denn dieser Tage? Größer als Gott, Hochhaus oder Wörth am Rhein?

Nach wie vor „Mitte nicht gefunden“ – Pendel also innerhalb meiner Selbstwahrnehmung und Wahrnehmung der Welt immer noch zwischen diesen Extremen. Ich kann eventuell mit meinen zerstörerischen Kräften etwas besser umgehen.

Fragt man dich noch immer, was du tust, wer du bist, was dich antreibt?

Nein. Allerdings beantworte ich mir selbst die Frage. „Ich spiel in einer Band„.

Unser Blick geht zurück: Wie stehst du heute zu deinen ersten Veröffentlichungen mit Surrogat? Ich persönlich leg ja z.B. Hobby noch immer gerne auf…

Ich glaube, du bist der erste in 15 Jahren, der mich auf eine der ersten 3 Surrogatplatten anspricht. Ich drücke es mal mit einer Passage aus dem GewaltSong Verheimlichung aus… die Lieder liegen „im Schutze des Schmutzes“ – Dort liegen sie gut wie schlecht.

Wie kam es, dass eine derart störrische und eigensinnige Band, wie ihr es immer schon gewesen seid, für ein großes Label wie Motor interessant wurde und wie denkst du über deine Zeit beim Major?

Es geht ja selten um die Musik als solche, weder beim Major noch sonstwo – ich gehe davon aus, dass uns die Motorleute ganz schick fanden und sich uns einfach „geleistet“ haben, wie man sich einen Koala Bären als Haustier leistet. Für uns als Künstler hat es abgesehen davon, dass ich kurzzeitig meine Miete zahlen konnte, keinen relevanten Unterschied gemacht. Als ich später dort gearbeitet habe, traf ich gute Leute, fand aber den Job etwas langweilig.

Mit Hell in Hell habt ihr euch ja nicht nur der Verprollung auf allerhöchstem Niveau und plakativen Rockparolen hingegeben sondern auch Gib Mir Alles gesagt zur Musikindustrie samt ihrer Promomaschinerie und weder vor bedruckten Feuerzeugen, Werbespots noch vor Auftritten auf Mainstream-Festivals wie Rock Am Ring haltgemacht. War dieser Move ein ausgestreckter Mittelfinger gegen die ‚Indie-Szene‘ oder tatsächlich komplett unironisch zu verstehen?

Der Unterschied wischen dem Album Rock und Hell in Hell liegt nicht in einer vermeintlichen Verprollung. Rock (1999) ist eine Behauptung von Rock, Hell in Hell (2002) ist eine Behauptung auf der Metaebene von Rock. Ein Widerspruch in sich. Über Zielgruppen und Szenen haben wir nie nachgedacht…es gab zu keinem Moment irgendeine Strategie. Rock am Ring wollte ich mir damals anschauen – war nicht so dolle.

Wie reagierte denn eure angestammte Fanbase seinerzeit auf die Neuorientierung?

Die Reaktionen waren, soweit ich mich erinnere ähnlich. Aber damals gab es keine Sozialen Medien, d.h. man wusste nicht so genau wie irgendwer irgendetwas findet.

Woran gingen Surrogat letztlich zugrunde? Rausch? Wahnsinn? Maßlosigkeit? Ein
Zerfall?

Wir wollten uns nicht mehr zum Proben treffen. Hatten einfach keine Lust mehr. Ich bin Vater geworden und hab mich nicht mehr für Musik interessiert.

Was treiben deine ehemaligen Kollegen Tilo und Mai-Linh mittlerweile? Eine
Reanimation eurer Band stand nie zur Debatte?

Ich habe Tilo so alle paar Jahre mal gesehen, Mai-Linh gar nicht. Weiss also nichts über sie. Ich kann mir ein Revival nicht vorstellen, konnte mir allerdings auch nicht vorstellen, jemals überhaupt wieder auf einer Bühne zu stehen.

Deine Zeit bei Kitty-Yo endete im Zerwürfnis, über Louisville sagt man es sei Pleite
gegangen. Bleibt Label-Arbeit dennoch eine berufliche Option für dich oder bist du in dieser Hinsicht gesättigt?

Haha, Letzteres.

Einige deiner ehemaligen Schützlinge wie Peaches oder Naked Lunch haben sicherlich nicht unwesentlich von deinem Know-How über die Industrie profitiert. Auch warst du später als Dozent für Musikwirtschaft und Indie-Label-Arbeit tätig. Coacht du noch immer junge Interpreten?

Ja, das mache ich nach wie vor. Darüber hinaus helfe ich der Band Hope ein wenig. Sie veröffentlichen dieses Jahr ihr erstes Album und ich bin sehr aufgeregt deswegen.

Hältst du Labels denn heute grundsätzlich noch für relevant und notwendig?

So lange es Labels gibt, haben sie wohl ihren Zweck.

Um deine Platten zu realisieren hast du in der Vergangenheit schon mal dein gesamtes Guthaben investiert und dich in Folge unbeglichener Wohnungsmieten übergangsweise ohne feste Bleibe durchschlagen müssen. Schon Surrogat wusste dabei unsere westlichen Privilegien mit Slogans wie Sex and Drugs and Eigenheim zu hinterfragen und auch Gewalt setzt sich u.a. mit Themen wie Sicherheit, Geborgenheit oder Wohlstand kritisch auseinander. Wie hältst du es im Privaten mit solch gleichermaßen problematischen wie attraktiven Werten (aus)? Wie weit gehst du mit? Wo ziehst du für dich Grenzen?

Grundsätzlich und schon immer konnte ich mit Geld und dem, was es verspricht, nie viel anfangen. Ich habe meinen Lebensstandard auf weit unter Existenzminimum reduziert. Manchmal nervt das, da die Welt ja so nicht funktioniert.

Überhaupt: Stichwort Grenzen?

Ich bin recht unsensibel für Grenzen- Dh. ich nehme äussere Grenzen kaum war, innere dafür umso deutlicher. Dh. ich kann manchmal Tagelang nicht aufstehen.

Du hast deine Gitarre in der Zeit zwischen Surrogat und Gewalt nicht angerührt. Gab es einen besonderen Auslöser der dazu führte, der Stille nach zwölf Jahren ein Ende zu setzen?

Helen meinte sie hätte Angst vor dem Gitarre spielen – ich sagte, ich auch – wir wollten sie uns gegenseitig nehmen. Als ich meinen Verstärker brummen hörte, lief mir ein wohliger Schauer über den Rücken.

Gewalt besingen in Szene einer Ehe die Entfremdung einer Partnerschaft hin zum
nervlich angespannten Gefühlswrack. Du selbst bist geschieden und performst in deinem per Rost beblutfleckten Hochzeitsanzug. Ein Eingeständnis? Ein Hilferuf?

Ein Eingeständnis, eine Trauer, ein Abschluss – der Anzug und der Song hängen tatsächlich zusammen. Das Lied ist ein Apell gegen die Krankhaftigkeit symbiotischer Beziehungen – die immer im gegenseitigen, gegeneinander gerichteten Augenrollen und Sätze des anderen zuende sprechen enden. Paare haben mir erzählt, dass die Zeile hilft, wenn man sie zitiert, sich selbst und dem anderen klar zu machen dass man noch als eigenständige Person existiert.

Was empfindest du, wenn ihr die Stücke live vor Publikum spielt? Von kaputten Messen ist da die Rede… Ein Stück weit Katharsis?

Je nach Lied – Glück, Schmerz, ja, Katharsis, Wut, Agression , Liebe – die ganze Rutsche. Manchmal aber auch gar nichts – ist leider nicht steuerbar – hängt auch von den Gläubigen der kaputten Messen ab.

Ihr spielt zum rudimentär programmierten Drumcomputer, nehmt analog mit 8 Spur
Taperecordern auf und geprobt wird am besten auch gleich gar nicht. Ist diese konsequente Lo-Fi-Haltung denn als bewusst auflehnendes Statement gegen das heutige Pro-Tool-Strebertum zu verstehen?

Unterschiedlich – die nächste Single „Von Inseln“ ist eine 4-Spur-live-Aufnahme von unserem 2. Konzert überhaupt. Die 3. Single „So Soll es Sein“ und die 4. Single „Tier / So geht die Geschichte“ (kommen beide im März) haben wir im Studio aufgenommen…
Wir sind da undogmatisch – wie es gerade passt und je nachdem wer Lust hat mit uns aufzunehmen. Der Gedanke der aber hinter deiner Frage steckt lässt sich besser beantworten mit: Wir wollen, dass das Musikmachen nicht zur Arbeit verkommt – wir wollen nichts liefern oder abrufen, sondern erfahren und erobern.

Der Tagesspiegel zitierte dich zu Surrogat-Tagen einmal wie folgt: „Ich will mit dieser Band Geld verdienen. Daraus habe ich nie einen Hehl gemacht.“ Wo liegen die Ambitionen bei Gewalt? Rockstarträume scheinen bei euch ja allenfalls eine untergeordnete Rolle zu spielen und Scheitern dürfte für einen Fuckup Nights-Laudator mittlerweile ohnehin nichts furchteinflößendes mehr sein…

Nach wie vor hasse ich den Moment vor dem Konzert – jedesmal bin ich überzeugt davon, dass niemand kommt und mich keiner liebt. Wenn wir dann spielen, ist mir das wurscht. Der Moment davor ist trotzdem furchtbar und beschämend, alleine, weil es ihn gibt.

Unser Blick geht nach vorn: Was steht demnächst an bei Gewalt? Ist mit einer Full-Length zu rechnen?

Wir gehen auf Tour…es kommen die nächsten 2 Monate auf drei verschiedenen Labels drei 7inches raus. Wir drehen absurdeste Videos unter anderem mit Florian Pühs (Herpes) und Max Gruber (Drangsal), die mit uns „Tier“ eingesungen haben. Das Video hat durchaus das Potential den peinlichsten Punkt meines Schaffens zu markieren. Wir sind gespannt und aufgeregt – Morgen ist Schnitt.

——————————————————————————————————————–

Gewalt live sehen(!):

///

Interview vom 09.02.2017
Photos wurden vornehmlich von Wagner-relateten-Facebook-Seiten gezockt.

 

Ein Gedanke zu „Erfahrung und Eroberung – Ein Interview mit Patrick gaG Wagner (Ngf011)

  1. Pingback: Review: Gewalt/Die Hartjungs/Nürnberg/05.04.2017 |

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.